Interview mit dem Gründer

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Der Heilige Johannes und die Kirche

Interview mit dem Gründer der St. Johannesgemeinschaft
Pater Marie-Dominique Philippe

Pater Philippe, Sie sprechen von sieben Brüdern, die am 8. Dezember 1975 in Lerins mit der Weihe an Maria ihren Akt der Verbindlichkeit ablegten. Es waren aber doch nur sechs Studenten. Haben Sie sich selbst dazugezählt? Sie gehörten damals als Priester zum Dominikanerkloster in Freiburg und hatten an der dortigen Universität einen Lehrstuhl für Philosophie. Haben Sie sich diesen jungen Leuten und ihrer Marienweihe angeschlossen?

Diese jungen Leute haben mich gebeten, sie zu begleiten, sie christlich und spirituell zu unterrichten über das Philosophiestudium hinaus – denn sie wollten sich ganz dem Herrn schenken. Da habe ich sofort gespürt, dass ich ihnen nahe sein musste. Ich verstand ihren Wunsch gut und nahm ihn in mein Herz, wie es meiner dominikanischen Berufung entspricht. Es gehört nämlich zum dominikanischen Leben, dem Nächsten zu dienen und ihm zu helfen, den Willen Gottes zu erkennen, Gott als Vater zu entdecken und aus dieser Vaterliebe zu leben. Das wollte ich gern für diese jungen Leute tun. Ich habe ihnen aber gesagt, dass ich keinen kirchlichen Auftrag dafür habe. So konnte ich ihnen nur raten: „Versucht selbst zu erkennen, was der Herr von Euch erwartet.“ Ich erinnere mich noch an die damalige Reaktion von Pater Marie-Alain: „Pater Philippe, fangen wir an! Auch wenn wir noch nicht die Erlaubnis der Kirche haben. Wir sind bereit, Ihnen überallhin zu folgen.“ Meinem christlichen Gewissen folgend wollte ich aber nicht ohne das Einverständnis der Kirche beginnen. Für mich wäre dieses Engagement kein Risiko gewesen; aber für diese jungen Menschen wäre ein Leben der Ganzhingabe sehr riskant gewesen ohne die Unterstützung und Ermutigung der Kirche. Die Kirche musste bestätigen, dass der Wunsch dieser Studenten wirklich vom Hl. Geist kam und erfüllt werden sollte. Marthe Robin hat das auch so gesehen, als ich mit ihr darüber gesprochen habe.

So haben Sie also eine Einbindung in die Kirche angestrebt, als diese jungen Leute ihr Vertrauen in Sie setzten. Was war der Grund?

Wenn man sich auch nur ein bisschen vom Weinstock der Kirche entfernt, dessen Stamm Jesus ist (Joh 15, 1. 5), dann vertrocknen die Rebzweige schnell und tragen keine Frucht mehr. Ich wusste zwar, dass diese jungen Männer begeistert aufnahmen, was ich damals unterrichtete; aber das genügte mir nicht. Ich wollte keine Gemeinschaft von Intellektuellen, oder von Leuten, die in Freundschaft zusammenleben und die Wahrheit suchen. Ich begriff, dass es um mehr und tieferes ging, nämlich um die Kirche und die persönliche Heiligkeit. Das betraf also ihr ganzes christliches Leben. Deshalb bedurfte es einer Beheimatung in der Kirche. Mir war aber damals noch nicht ganz klar, wie sich das gestalten könnte. Wir haben uns langsam vorangetastet. Das ist nicht verwunderlich, denn ich hatte ja nie daran gedacht, eines Tages mit jungen Menschen in der Kirche etwas zu gründen. Sie haben mich dazu gebracht und ich habe versucht, es in Offenheit und Vertrauen gegenüber der Kirche zu tun.

Schließlich kam es zur Angliederung an die Abtei Saint-Honorat in Lérins: ein kleiner Zweig wird gleichsam auf den alten monastischen Stamm gepfropft. Ist von dieser gottgefügten Verbindung nach so vielen Jahren noch etwas gültig für die „Familie des Hl. Johannes?

Gott hatte alles vorbereitet für diese Angliederung. Ich hatte das am Anfang nicht begriffen, sondern erst im Nachhinein. Als ich nach Freiburg kam, interessierte ich mich für die benachbarten Abteien. So erfuhr ich von der Zisterzienserabtei Hauterive und nahm Kontakt auf. Ich wurde gebeten, dort spirituelle Vorträge zu halten. Der damalige Prior wurde dann später General der Zisterzienser. Ihn musste der Abt von Lérins fragen, ob seine Abtei einer entstehenden geistlichen Gemeinschaft mütterlichen Beistand gewähren könne. Und als der ehrwürdige Pater Dom Kleiner hörte, dass Pater Philippe der Verantwortliche sei, antwortete er: „Den kenne ich gut. Nur zu.“ Das war für mich wie ein Zeichen (unter anderen), dass der Liebe Gott alles schon im Voraus vorbereitet hatte. Das hat die tiefe Verbindung mit Lérins bestätigt, die durchaus nicht künstlich war. Der Abt hat mich einmal gefragt: „Ist das ein ’Konstrukt’, um die spätere Autonomie anzustreben?“ Worauf ich geantwortet habe: „Keineswegs! Das ist für mich ganz wesentlich. Man muss nur schauen, wie die Dinge heute laufen … Ich glaube, man kann nur etwas Solides machen, wenn man an die großen monastischen Traditionen anknüpft.“

Im Moment scheint diese Verbindung zwar kaum zu existieren, aber sie besteht dennoch weiter. Wir hatten sogar einmal erwogen, eine Art gemeinsame Abtei in Sénanque zu machen, aber es kam dann doch nicht dazu. Auf Wunsch der Kirche mussten wir autonom werden, um eine Vermischung zu verhindern. Unsere jüngsten Brüder kennen Lérins zwar nicht mehr, aber es würde mich nicht wundern, wenn in einiger Zeit wieder konkrete Beziehungen entstünden. Patres der Johannesgemeinschaft könnten z.B. Lérins oder Sénanques als Exerzitienort wählen. Anschließend könnten sie dann vielleicht für sich selbst noch einige Tage der Stille anhängen. Das würde die Verbindung mit dem monastischen Leben stärken, worüber ich sehr froh wäre.

Die Johannesgemeinschaft entstand zehn Jahre nach dem Konzil, mitten in den „aggiornamento“-Bestrebungen. Wo situieren Sie die Kongregationen der Brüder und Schwestern in der Erneuerung des Ordenslebens?

Die Erneuerung der Kirche muss eingebettet sein in eine kontemplative Erneuerung, eine Erneuerung des monastischen Ordenslebens, sonst besteht die Gefahr, dass sie ein bisschen äußerlich bleibt. Das wäre schade, denn das Leben der Kirche ist nicht peripher, sondern durch den Hl. Geist verankert in den Herzen Jesu und Mariens. Der Hl. Geist hat mich sicherlich auf diese Gründung vorbereitet, ohne dass ich es wusste. Ich habe schon immer die Apokalypse sehr geliebt. Es hat mich verwundert, dass man in der Theologie der Kirche so wenig von ihr spricht, so als wäre dieses Buch einigen Spezialisten vorbehalten und beträfe nicht das Leben der Kirche. So bat ich den hl. Johannes, unser Vater zu sein, und uns weiterzugeben, was er selbst auf Patmos empfangen hatte: diese Vision der Kirche, die ganz ausgerichtet ist auf das Vado ad Patrem (Ich gehe zum Vater)1, auf die Wiederkunft Jesu. Im Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente“ zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 sehen wir das auch ganz deutlich. Als ich diesen Text des Hl. Vaters gelesen habe, dachte ich mir: „Das betrifft ganz besonders uns, denn wir wollen das monastische Ordensleben in diesem Licht leben.“ Wohl in einer etwas speziellen Form, das stimmt. Manche behaupten, das sei gar kein monastisches Leben. Es hängt davon ab, ob man es in seiner Tiefe betrachtet oder auf formelle Weise. Wenn man in die Tiefe geht – so wie Katharina von Siena, die von der „inneren Zelle“ spricht – dann kann man gewissermaßen eine Erneuerung erkennen, denn sie zeigt uns das eigentliche Kloster: das himmlische Jerusalem, das vom Himmel herabkommt, geschmückt wie eine Braut.2 Das verleiht eine große innere Freiheit und eine große Bereitschaft, auf jeden Ruf des Hl. Geistes zu antworten.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Erneuerung des monastischen Ordenslebens eschatologisch sein muss, verwurzelt in der Apokalypse. Wir müssen ganz auf die Wiederkunft Christi ausgerichtet sein, was uns umso tiefer in die Gegenwart hineinstellt. Die Tage sind gezählt, es darf keinen Dilettantismus mehr geben. Im Licht der Weisheit der Liebe wollen wir kühn voranschreiten. Wir möchten ein von innen erneuertes Ordensleben führen – erneuert vom hl. Johannes her. Die ersten Mönche sind Johannes und sein Meister, der Täufer. Sie sind sehr unterschiedlich. Was Johannes vom Täufer empfangen hat, ist immer weiter gewachsen. Bei uns sollte es ähnlich sein. Aber das machen nicht wir. Wenn wir zu viel daran dächten, würden wir die Sache vielleicht sogar zu sehr intellektualisieren; dann wären wir nicht mehr ganz verfügbar für den Hl. Geist. In erster Linie sollten wir aufmerksam auf den Hl. Geist hören und ihn beständig fragen, was er von uns erwartet. Deshalb wollen wir die Brüder und Schwestern der Johannesgemeinschaft dazu erziehen, auf den Hl. Geist zu hören, ihm zu gehorchen und keine menschlichen Pläne mehr zu haben.

Sie vermitteln uns die Wichtigkeit des Bundes mit Petrus, und als Ordensoberer respektieren Sie sehr die Autorität der Bischöfe, vor allem bezüglich der Neugründungen. Welche Beziehung besteht zwischen diesen beiden Aspekten?

Ich betrachte im Johannesevangelium gern die Beziehung zwischen Johannes und Petrus. Das hilft mir, die beiden besser zu verstehen. Ich wünschte mir, dass das ein wenig unsere praktische Theologie wäre, im Licht der Weisheit.

So können wir verstehen, wie wir die Autorität unseres Hl. Vaters empfangen sollen. Die Vorsehung hat gewollt, dass wir ihm nahe stehen. Wir wünschen uns eine solche Nähe auch zu den Bischöfen, die uns rufen. Das ist notwendig für unser apostolisches Leben. Wenn wir in einer Diözese arbeiten, wollen wir auf den Ruf Gottes antworten; und der kommt uns auf sichtbare Weise durch die Bischöfe zu. Wir wollen unsere Bischöfe lieben, wie Johannes Petrus geliebt hat. Neben einem großen Respekt möchten wir ein gutes Vertrauensverhältnis in der Zusammenarbeit haben. Da der Hl. Geist die Armut in unser Herz legt, müssen wir in dieser Abhängigkeit sein. Wir können einem Bischof nicht sagen: „Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden ein Kloster bauen und wir brauchen keine finanzielle Hilfe von Ihnen.“ Nein. Wir müssen unsere Bischöfe um Hilfe bitten für unser Leben. Das ist ein wunderbarer Akt der Demut. Das altehrwürdige monastische Leben könnte sich nämlich u.U. isolieren. Ich habe aber zutiefst gespürt, dass der Hl. Geist eine große Einheit will zwischen der Hierarchie und dem monastischen Leben. Das geschieht vor allem durch den apostolischen Einsatz, der eigentlich untypisch ist für das monastische Leben, denn er geht von den Nachfolgern der Apostel aus. Es gehört zu unseren Prinzipien, im Dienst der Nachfolger der Apostel zu stehen. Das heißt aber nicht, dass wir den Geist des hl. Johannes, den Geist der Kontemplation aufgeben. Ich halte es für wichtig, in Freundschaft und Vertrauen mit unseren Bischöfen verbunden zu sein und mit ihnen zusammenzuarbeiten, über den rein kanonischen Aspekt hinaus. Wir wissen, wie schwierig heute das Amt eines Bischofs ist. So wollen wir ein Element der Einheit sein. Ich weiß, dass wir das nicht immer ganz umsetzen können, aber wir haben zumindest diesen großen Wunsch.

Mittlerweile ist aus dem anfänglich kleinen Kern eine große Familie geworden. Zur „Familie des Hl. Johannes“ gehören die Brüder, die kontemplativen Schwestern, die apostolischen Schwestern, die Säkularoblaten und die Freunde. Was ist das Gemeinsame bei diesen verschiedenen Gruppen?

Es ist eine besondere Beziehung zu Maria und zu Petrus, so wie Johannes sie hatte. Oder anders ausgedrückt: alle wollen im Geist des hl. Johannes leben, ihn als Vater annehmen und als seine geliebten Kinder seinem Vaterherzen ergeben sein. Unter seiner Vaterschaft zu leben bedeutet zum einen, all die Geheimnisse zu empfangen, die er selbst geschenkt bekam: die Geheimnisse der Hl. Dreifaltigkeit, des fleischgewordenen WORTES und des Erlösers Jesus Christus. Zum andern heißt es, so wie Johannes von den Worten Jesu zu leben, von der Kirche und der Nächstenliebe – oder es zumindest versuchen. Und das in unserer so komplexen Zeit, die man so schwer in ihrer Tiefe erfassen kann. Alles verleitet dazu, sie nur äußerlich zu beurteilen. Deshalb wollen wir dem Beispiel von Johannes folgen und das Geheimnis der Hl. Dreifaltigkeit und des priesterlichen Herzens Jesu betrachten. Denn je höher wir uns erheben in der Kontemplation, umso tiefer erkennen wir das Herz des Menschen mit seinem Durst nach Liebe, und den menschlichen Verstand mit seinem Durst nach Wahrheit. Nur mit einem kontemplativen Blick, nur aus der Sicht der göttlichen Weisheit können wir begreifen, was die heutige Menschheit braucht, was sie von Christus, Maria und Johannes empfangen muss. Wir sollen ausgehend von der johanneischen Offenbarung die dringendsten Bedürfnisse der heutigen Menschheit erkennen. So erkläre ich mir, warum Gott diese Gemeinschaft wollte trotz ihrer großen Schwächen. Wir verstecken sie nicht; es gibt ihrer wirklich viele. Aber wir bemühen uns, dass es so wenig wie möglich sind. Vielleicht bekommen wir gerade wegen dieser Schwächen so überreiche Gnaden geschenkt von Gott, von den Herzen Jesu und Mariens. Schauen wir nur, wie schnell Gott eine so große Zahl junger Menschen zur Johannesgemeinschaft geführt hat, sowohl bei den Brüdern als auch bei den Schwestern. Das gibt große Hoffnung und übersteigt bei weitem alle Erwartungen. Das ist eine göttliche Antwort, die wir aufmerksam empfangen wollen. Es geht darum, verfügbar zu sein für den Hl. Geist, und nicht, uns zu rühmen. Denn das machen nicht wir, sondern Gott wirkt durch uns.

Fürchten Sie nicht, dass die „Familie des Hl. Johannes“ sich durch diese spezifische Besonderheit vom Rest der Kirche abkapseln könnte?

Man muss selbstverständlich ganz in der Kirche sein. Es gibt aber für alle Christen gelegentlich diese Versuchung, sich in sich zu verschließen. In ganz ausgeprägter Form ist es die Versuchung des Pharisäertums. Aber auch jemand, der sich einer großen Aufgabe nicht gewachsen fühlt, kann in die Versuchung des Rückzugs geraten. Der geliebte Jünger Jesu zu sein, z.B. ist nicht leicht! Das machen auch nicht wir selbst, sondern wir erbitten es uns. Dies ist gewissermaßen ein besonderer Ruf, der an uns ergeht. Und wenn wir echte Jünger Christi sein wollen, dann müssen wir sanftmütige, treue und arme Jünger sein. Das sind die drei Merkmale des Jüngers. Solange wir also wirklich das leben, besteht keine Gefahr, dass wir uns in uns selbst verschließen. Die Armut verhindert jegliche Abkapselung. Die Treue erfordert, dass wir stets weiter voranschreiten. Durch die Sanftmut vermeiden wir im Kampf Verletzungen, so gut es geht. Wir wollen allen dienen, auch denen, die uns ablehnen, die uns nicht lieben, denen es lieber wäre, wenn es uns nicht gäbe. Wir versuchen, so liebenswürdig wie möglich zu sein, um die Herzen zu gewinnen.

Es kann wohl gelegentlich eine Abkapselung geben, denn niemand ist davor gefeit, auch wir nicht. Aber eine große Nächstenliebe, wie Johannes sie uns in seinem ersten Brief ans Herz legt, verhindert vielleicht einen solchen Rückzug. Ein Bruder, der aufmerksam ist gegenüber seinem Bruder, lässt nicht zu, dass er sich in sich verschließt. Wenn man sich also wirklich liebt mit echt johanneischer Nächstenliebe, kann man sich nicht abkapseln.

Die Johannesgemeinschaft breitet sich aus in der ganzen Welt. Es sind immer kleine Gemeinschaften, die oft recht schwach erscheinen. Leben die Johannesbrüder und -schwestern durch diese Unsicherheit der Lebensverhältnisse vielleicht etwas von der eschatologischen Dringlichkeit der Kirche dieses neuen Jahrhunderts?

Ja, die Unsicherheit und Schwäche unserer kleinen Priorate ist wirklich offensichtlich. Das könnte einem manchmal Angst machen. Aber Maria ist da und bewahrt die Brüder und Schwestern in ihrem Herzen und unter ihrem mütterlichen Mantel. Ich glaube, der Herr möchte von uns heilige Kühnheit. Der Psalm 33, den wir regelmäßig im Stundengebet singen, sagt das wunderbar: „Nichts nützen die Rosse zum Sieg, mit all ihrer Kraft können sie niemand retten. Doch das Auge des Herrn ruht auf allen, die ihn fürchten und ehren, die nach seiner Güte ausschauen.“ Man soll in Schwierigkeiten nur auf die Hilfe Gottes zählen. Akzeptieren wir die Kämpfe, in denen die Gegner Jesu und der Kirche äußerlich scheinbar siegen, wie am Kreuz. Der Teufel war überzeugt, dass er am Kreuz gesiegt hat: endlich hatte er erreicht, dass Jesus schweigt und seine Gegner die Überhand haben. In der Kirche ist es genau das gleiche: Wenn sie scheinbar ganz schwach und unterlegen ist, dann siegt sie und vermittelt die Liebe und das Licht auf ungeahnte Weise. Ich wage zu behaupten, dass wir hier ein wenig eine Vorreiterrolle übernehmen. Ich liebe die Schriftstelle, wo der hl. Lukas zeigt, dass der Herr Menschen zu sich ruft, von denen wir das nie gedacht hätten.3 Genau das leben wir. Würden wir nach menschlichen Kriterien urteilen, so müssten wir zu vielen sagen: „Nein, Sie passen nicht zu uns.“ Wir schicken eigentlich nur die reinen Intellektuellen weg. Ich erinnere mich an einen jungen Ingenieur mit zwei Doktortiteln und ich weiß nicht wie vielen Diplomen. Er sagte mir: „Ich habe gehört, dass die Johannesgemeinschaft für Intellektuelle ist, auf philosophischer und theologischer Ebene. Ich möchte kommen.“ Da habe ich geantwortet: „Wenn Sie deshalb kommen wollen, dann haben Sie keine Berufung.“ Als er mich ganz verblüfft anschaute, fuhr ich fort: „Wir wollen das Herz Christi betrachten und lieben, und das Herz Mariens. Deshalb bemühen wir uns intensiv darum, die Wahrheit zu suchen: um besser zu lieben. Wir möchten unseren Verstand reinigen von den Einflüssen all der modernen Ideologien, die mehr oder weniger atheistisch und überheblich sind. Unser Verstand soll ganz im Dienst der Liebe stehen.“ Das ist unser Ziel. Aber wir wissen natürlich auch, dass man sich intellektuell rüsten und ständig voranschreiten muss, damit die Wahrheit in immer größerer Klarheit weitergegeben werden kann. Das gilt sowohl für die Philosophie als auch für die Theologie. Wir wollen beständig die Wahrheit suchen, um immer besser lieben zu können. Dann besteht keine Gefahr, dass wir zu einem kleinen Clan werden, zu einer Art Sekte, wie manche meinen. Nein. Wir setzen uns offen auseinander mit allen heutigen Strömungen, sei es im Bereich der Kunst, der Wissenschaft oder der Philosophie. Das ist beeindruckend. Aber wir übernehmen nicht jede Philosophie. Wir lernen sie jeweils kennen und suchen das, was wahr ist in ihr. Das nehmen wir dann auf, damit unsere Philosophie nicht archaisch wird, sondern auf die Probleme der Gegenwart antwortet – vor allem im Bereich der Ethik. Angesichts solch schwieriger Fragen muss man ganz aufmerksam sein auf philosophischer, theologischer und mystischer Ebene – das sind die drei Weisheiten, die uns der hl. Thomas von Aquin so hervorragend darlegt. Wir versuchen, aus unseren Häusern Oasen des Lichtes und der Liebe zu machen für die heutige Welt.

Ich habe mehrmals mit Marthe Robin über ihre „Foyers de Charité“ gesprochen und sie gefragt: „Gilt das nicht für die ganze Kirche?“ Und Marthe hat mit ihrer leisen Stimme geantwortet: „Vielleicht, Pater.“ Wenn sie aber etwas hörte, was nicht stimmte, antwortete sie ganz klar: „Nein, das ist nicht wahr. Es ist nicht so.“ In diesem Fall stimmte es aber: das Licht der Wahrheit, die Nächstenliebe und die kontemplative Liebe zu Gott fassen das ganze Leben der Kirche auf johanneische Weise zusammen. Dadurch wird von den anderen Evangelien und den Paulusbriefen nichts ausgeschlossen. Aber es wird ein besonderer Akzent auf das Licht der Wahrheit und auf die Liebe gelegt.

Wenn ich zurückblicke auf all die vergangenen Jahre der Johannesgemeinschaft, dann trage ich eine ganz große Dankbarkeit in meinem Herzen. Jesus und Maria waren so gut zu uns während all dieser Jahre. Sie haben uns mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit umgeben, obwohl wir so viele Fehler gemacht haben in unserer Schwachheit und Gebrechlichkeit. Ich war so wenig darauf vorbereitet, eine Gemeinschaft zu leiten (die zudem recht schnell gewachsen ist). Die einzige Autorität, die ich ausgeübt hatte, war die als Philosophieprofessor in Saulchoir (Studienkonvent der Pariser Dominikanerprovinz) und an der Universität Freiburg. Wenn die Gemeinschaft sich so wunderbar entwickelt hat, so dank der großen Liebe Jesu und Mariens.

Wir durften so viele Zeichen des väterlichen Wohlwollens Gottes gegenüber der Johannesgemeinschaft erleben. Ich will hier nur eines nennen: 1995 hatte Pater Marie-Alain einen schweren Unfall in Guinea. Er ist der erste Bruder der Gemeinschaft. Als er in Freiburg Philosophie studierte, bat er mich als erster, ihm zu helfen, auf den Ruf Gottes zu antworten. 1994 hatte er mich während des Generalkapitels darum gebeten, nach Guinea gehen zu dürfen, auf die dringende Bitte von Bischof Sarah hin. Und so ging er. Am 6. August 1995, dem Fest der Verklärung des Herrn, war er dort unterwegs, um eine Messe zu feiern. Er musste die schiefe „Teufelsbrücke“ überqueren, die von den Einheimischen so genannt wird wegen der vielen tödlichen Unfälle. Als er das Ende der Brücke fast erreicht hatte, kam das Auto ins Schleudern und Pater Marie-Alain wurde auf unerklärliche Weise aus dem Auto geschleudert. Das Auto zerschellte unten im Flussbett und unser Bruder fand sich weit entfernt am Ufer wieder. Normalerweise wäre er im Auto zerquetscht worden … Was ist geschehen? Er selbst kann es sich nicht erklären. Für mich ist das ein Zeichen des besonderen Schutzes der Gottesmutter für einen ihrer geliebten Söhne …

Die göttliche Führung hat sich in der Johannesgemeinschaft seit den Anfängen immer wieder deutlich gezeigt. Jesus und Maria hatten alles vorbereitet für die „Geburt“ dieser neuen geistlichen Familie. Ich möchte hier nur an den Beginn in Freiburg erinnern: 1975 begann dort die „Militia Immaculata“ von Pater Maximilian Kolbe, dem Märtyrer der Nächstenliebe. In dieser Vereinigung legten jene, die später die ersten Johannesbrüder werden sollten, am 8. Dezember 1975 die Marienweihe ab. Ist das nicht gleichsam die verborgene Quelle der Johannesgemeinschaft?

 

 

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