Br. Marie-Thomas Bertaud du Chazaud
Als Student im Jahre 1968 war es für mich nicht einfach, in den Stürmen der damaligen Zeit zu leben und zugleich den Ruf des Herrn in seine Nachfolge zu vernehmen. Nach meinem Militärdienst und drei Versuchen, in verschiedene neue Gemeinschaften einzutreten, beschloss ich, alles hinter mir zu lassen und eine Arbeit zu suchen. Die Vorsehung jedoch wachte. Am Tag als ich die dritte Gemeinschaft verließ, im August 1973, besuchte Pater Marie-Dominique Philippe für 24 Stunden diesen Ort. Einige Tage später – dank der Vermittlung durch eine irdische Mutter, die der himmlischen sehr gehorsam war – traf ich Pater Philippe, der sich die Nase reibend sagte: “Beunruhigen sie sich nicht, man muss dranbleiben. Kommen sie nach Freiburg!”
Daraus wurden zwei sehr reiche und schwierige Jahre.
Wir lebten damals noch zerstreut in Freiburg, ohne echte Gemeinschaft, versammelten uns jedoch alle im gleichen Geist unter der väterlichen Führung von Pater Philippe. Wir folgten seinem Unterricht, ohne genau zu wissen, was nun die Zukunft bringen würde. Wir pflegten auch regen Austausch mit den Jugendlichen von „Notre Dame de la Sagesse“. Dort machten wir Bekanntschaft mit Henri Bricard, Jean Francois Le Gal (heute Pater Jean-Francois-Marie), Bernard Callier (Pater Marie-Bernard), die sich kurze Zeit später unserer kleinen Gruppe anschlossen. Während dieser zwei Jahre begeisterten sich unter uns viele Studenten für die marianische Spiritualität des Hl. Maximilian-Maria Kolbe, und wir unternahmen regelmäßig Wallfahrten zu dem kleinen Heiligtum von „Notre Dame des Bourguignons“, das sich in Freiburg großer Beliebtheit erfreut. So wurden wir dank des später kanonisierten Maximilian Kolbe auf die Anwesenheit Mariens unter uns aufmerksam.
Dezember 1975: Pater Marie-Dominique Philippe predigt die Exerzitien für die Mönche der Zisterzienserabtei von Lérins. Die Exerzitien finden ihren Höhepunkt und Abschluss mit der Weihe der Abtei und der Insel des hl. Honorat an die „Unbefleckte Empfängnis“ durch den Abt Dom Marie-Bernard de Terris. Pater Philippe wird zu diesen Exerzitien von einer sechsköpfigen Studentengruppe begleitet, die sich kurze Zeit vorher zu einer Gebets – und Brudergemeinschaft zusammenschloss und sich um Pater Philippe sammelte. Die kleine Gruppe nimmt am Festgottesdienst anlässlich der Weihe an die „Unbefleckte“ teil, ohne jedoch zu wissen, dass die Vorsehung diesen Ort zur Wiege der St. Johannes -Gemeinschaft bestimmte, wo sie als junger Spross der Kirche einem alten monastischen Stamm aufgepfropft werden sollte.
Pater Mossu (heute Pater Philippe-Marie) und die fünf Studenten begaben sich in die kleine Dreifaltigkeitskapelle des Klosters, einem Juwel aus dem 5. Jahrhundert, um sich dort in größter Einfachheit und Stille Maria zu weihen ( Weiheakt an Maria gemäß dem hl. Ludwig Maria Grignon von Monfort ). Dieser Akt der Ganzhingabe an Maria erfüllte alle mit großem Frieden und Vertrauen. Niemand konnte damals sagen, was die Aufgabe der zukünftigen Gemeinschaft in der Kirche sein würde, obwohl die wesentliche Orientierung aufgrund der kurzen Erfahrung des gemeinsamen Lebens schon ersichtlich war : das stille Gebet ( oratio ), die Verbindung mit Maria, die Wahrheitssuche im Lichte des hl. Johannes und die Einheit und Einfachheit in der brüderlichen Liebe.
Wir erkannten bald, dass der Herr durch seine Antwort unsere kühnsten Erwartungen übertraf. Nachdem sich uns schon bald einige andere angeschlossen hatten, machte die neue Fraternität innerhalb der Zisterzienserabtei von Lérins ihre ersten Schritte als Gemeinschaft in der Kirche. Denn an diesem Ort begannen die Brüder der jungen Gemeinschaft die ersten Etappen des Ordensleben: Einkleidung, zeitliche und ewige Gelübde bis zum Empfang der Priesterweihe, die auch ich als vollkommen unerwartetes Geschenk empfing, woran ich vorher nie zu denken wagte.
Im Rückblick auf 30 Jahre väterlicher Führung der Kongregation des hl. Johannes durch Pater Marie-Dominique Philippe und meine 26 Jahre Priestertum im Ordensstand gemeinsam mit meinen Brüdern, und im Blick auf alles, was wir ohne zu planen empfangen haben, möchte ich dem Herrn von Herzen meinen Dank sagen. Geführt an der Hand Mariens, bin ich voll Hoffnung für eine Fortsetzung des Werkes der Evangelisation für eine Zivilisation der Liebe im Herzen der Kirche.