“Evangelii Nuntiandi”

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Im Licht der Apostolischen Exhortation „Evangelii Nuntiandi”

Br. Philippe-Marie Mossu

Als wir entdeckten, dass die Exhortation „Evangelii Nuntiandi“ von Paul VI am 8. Dezember 1975 unterzeichnet worden war, überraschte uns das sehr: dies war genau das Datum unserer Weihe an Maria, die wir gemeinsam während eines Aufenthalts in der Abtei von Lerins in Anwesenheit von Pater Marie-Dominique Philippe vollzogen hatten.

Sollten wir darin ein Zeichen sehen? Richtete sich dieser Ruf des Papstes besonders an uns, das Evangelium in einer erneuerten Weise zu verkünden, für die kommenden Jahre, die den Vorabend eines neuen Jahrhunderts, ja sogar den Vorabend des dritten Jahrtausends des Christentums bedeuten? ( Nr 81 )

Und doch standen wir erst ganz am Anfang unseres Gemeinschaftslebens, als diese Exhortation 1976 erschien. Wir waren sechs Studenten, zusammen seit Oktober 1975, und wir hatten keine andere Absicht, als so viel wie möglich vom Schatz des Lichtes zu sammeln, den wir alle im Unterricht von Pater Marie-Dominique Philippe entdeckt hatten. Wir wollten nichts anderes, als unsere ganze Zeit und Energie darin zu investieren, ja unser ganzes Leben, so sehr erfüllte uns dieses Licht mit Freude… inmitten der Traurigkeiten des gewöhnlichen Studiums. Wir hatten ziemlich schnell verstanden, dass dieses Gemeinschaftsleben von uns eine intensive intellektuelle Arbeit, aber auch die Stille und das Gebet verlangte, um eine wahre philosophische und theologische Suche zu erlauben, und sogar das Teilen unserer Güter. Aber, ehrlich gesagt, dachten wir keineswegs ans «Evangelisieren»…

Natürlich stellte uns die Zukunft Fragen: was wird aus uns werden? Wie sollen wir uns in die Kirche eingliedern? Aber zur Stunde waren wir mit anderen Fragen beschäftigt. Denn einige von uns hatten sogar ihren Wunsch, Priester zu werden, ganz aufgegeben, um besser und länger von der Lehre profitieren zu können, die wir in der profunden Ausbildung von Pater Marie-Dominique Philippe fanden.

Gott lenkte… Und hatte unsere Weihe in Lerins vom 8. Dezember 1975 nicht zum Ziel, unsere Zukunft in der Kirche in die Hände der Heiligen Jungfrau zu legen und uns mit ihr von nun an gänzlich der Suche nach der Kontemplation zu widmen?

Und doch, wenn Evangelisieren in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche ist, ihre tiefste Identität, – sie existiert, um zu evangelisieren (wie Paul VI bekräftigt ( Nr 14 ) -, mussten wir uns bald die Frage unserer Identität stellen. Wir waren Christen und Glieder der Kirche. Wie also konnte dieses Leben, das wir ganz auf die Suche nach der Wahrheit ausrichten wollten, integriert werden in die Identität der Kirche, in die ihr eigene Berufung der Evangelisation? Welche Beziehung bestand zwischen dem Ruf des Heiligen Vaters in „Evangelii Nuntiandi“ und dem Ruf, den wir alle in uns trugen, nämlich durch die Ausbildung, die uns Pater Marie-Dominique Philippe gab, unser Leben zu gestalten?

Diese Frage verlagerte sich völlig, als uns beim Weiterlesen

des Textes des Heiligen Vaters dieser Abschnitt im 15. Kapitel ins Auge sprang: Die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren… Sie hat es immer nötig, evangelisiert zu werden, wenn sie ihre Lebendigkeit, ihren Schwung und ihre Stärke bewahren will, um das Evangelium zu verkünden ( Nr 15 ). Diese doch so einfache Wahrheit wurde das Hauptthema, wenn nicht sogar das einzige Thema zahlreicher Kapitel der damaligen Gemeinschaft; und unermüdlich wurde – die Ohren der armen Brüder am Ende sicher überstrapazierend – wiederholt, was die kleine Tür sein sollte, durch die wir eintreten und dem Ruf des Heiligen Vaters folgen wollten.

Die Heilige Kirche empfing nach 2000 Jahren Christenheit von ihrem gütigen Christus den Ruf, sich durch eine beständige Bekehrung und Erneuerung selbst zu evangelisieren, um die Welt glaubwürdig zu evangelisieren ( Nr 15 ). Sicher, dies war schon der Ruf des Konzils, aber er erschien uns ganz neu und umwerfend, wie die kostbare Perle und der Schatz, die im Feld vergraben sind ( cf. Mt 13, 44-46 ), zweifellos weil er uns betraf und auf unsere Frage antwortete – nämlich der Beziehung unseres Lebens mit der Evangelisierung. Es ging tatsächlich nicht darum zu wissen, ob wir evangelisieren sollten, sondern zuerst darum, ob dieses Leben eine wahre Evangelisierung für uns sein würde?

Wir waren uns dessen schon bewusst, dass die philosophische Arbeit und das Gebetsleben unseren Verstand und unser Herz veränderten. Aber war das das Evangelium?

Glücklicherweise bestärkte Pater Marie-Dominique uns

darin, was wir selbst nicht auszusprechen wagten: unser Leben wäre eine wahre Evangelisierung für uns selbst, und vielleicht sogar die wichtigste Form der Evangelisierung für heute, in unserer Zeit der Furcht und Angst , wie Paul VI am Beginn seiner Exhortation sagt (Nr 1). Es war sehr wichtig, diese Bestärkung von Pater Marie-Dominique zu hören, denn unser Leben war damit nicht nur eine freie Wahl unsererseits, sondern eine Antwort auf eine Berufung, die uns ins Herz der Kirche stellte. Wir wurden zu Arbeitern der Evangelisierung ( Kap. 6 ), und der Vater wollte uns als qualifizierte Arbeiter. Paul VI zitiert in seiner Exhortation, was er vorher schon den Kardinälen gesagt hatte: die Verhältnisse der Gesellschaft legen uns allen die Verpflichtung auf, die Methoden zu überprüfen und mit allen Mitteln uns zu bemühen herauszufinden, wie man dem modernen Menschen die christliche Botschaft nahe bringen kann, in der allein er die Antwort auf seine Fragen zu finden vermag und die Kraft für seinen Einsatz zu menschlicher Solidarität. Und der Heilige Vater fügt hinzu: um auf die vom Konzil an uns gerichteten Forderungen eine gültige Antwort zu geben, ist es unbedingt notwendig, uns das überlieferte Glaubensgut vor Augen zu stellen, das die Kirche in seiner unantastbaren Reinheit bewahren, aber auch den Menschen unserer Zeit in einer möglichst verständlichen und überzeugenden Weise darbieten muss ( Nr 3 ).

Pater Marie-Dominique Philippe half uns, diese Öffnung zur Welt, die schon vom Konzil gewünscht war, ins Herz unserer Berufung zu stellen. Das verlangte von uns eine Erneuerung der Sichtweise des Menschen, um besser auf die Fragen antworten zu können, die von den neuen ideologischen Strömungen und der neuen Religiosität ausgehen. Es würde eine neue philosophische und theologische Anstrengung, notwendig machen im Dienste dieses vollständigeren Verständnisses des Menschen, der den neuen Verunsicherungen unterliegt. Sagte nicht der Heilige Vater selbst, dass die Befreiung, die die Evangelisierung ankündigt, nicht auf eine einfache und beschränkte ökonomische, politische, soziale und

kulturelle Dimension beschränkt werden kann, sondern den ganzen Menschen in all seinen Dimensionen sehen muss, einschließlich seiner Öffnung auf das Absolute, das Gott ist. Diese Befreiung ist deshalb an ein bestimmtes Menschenbild gebunden, an eine Lehre vom Menschen, die sie niemals den Erfordernissen irgendeiner Strategie, einer Praxis oder eines kurzfristigen Erfolgs wegen opfern kann. ( Nr 33 )

Unser Weg befand sich also auf dem der Kirche, der, als

Antwort auf die Forderung des Konzils, auf die Begegnung mit dem Menschen orientiert war. ( Gaudium et Spes Nr 22 § 2 ). Papst Johannes Paul II bekräftigt in seiner ersten Enzyklika, dass der erste und der fundamentale Weg der Kirche der Mensch ist, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muss: er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt. ( Redemptor Hominis Nr 14 ). Die Öffnung der Kirche zur Welt war also nichts anderes als der Ausdruck dieser großen Liebe Gottes zur Welt, in die er seinen einzigen Sohn gesandt hat, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten ( cf Joh 3, 14-15 ).

Dieser einzige Sohn, der weiß, was im Menschen ist (Joh 2, 25) sendet weiterhin Menschen in seiner Nachfolge in die Welt, die verstehen sollen, was im Menschen ist, um die Botschaft des Evangeliums in eine Sprache zu übersetzen, die die Menschen verstehen, ohne den geringsten Verrat an seiner wesentlichen Wahrheit. ( cf. Ev. Nunt.

Nr 63 ). Und es ist der Heilige Geist, der Motor der Evangelisierung ist… der die Heilsbotschaft in den Tiefen des Bewusstseins annehmen und verstehen lässt. ( Nr 75 ). Aus diesem Grund rechtfertigt sich die ernsthaft angeeignete Qualifikation der Arbeiter der Evangelisierung, nicht nur durch die unumgängliche „Anpassung“ an die Welt unserer Zeit, sondern auch durch die Notwendigkeit, aus diesen Arbeitern Instrumente zu formen, die dem Heiligen Geist gefügig sind.

Diese ernsthafte Qualifikation muss auch mit einer Ganzhingabe an den Heiligen Geist verbunden sein – ohne den jede Vorbereitung des Arbeiters vergeblich ist – , um sich von ihm besitzen und führen zu lassen ( Nr 75 ), damit neue Zeiten der Evangelisation anbrechen können innerhalb einer Kirche, die noch tiefer verwurzelt ist in der unvergänglichen Stärke und Macht des Pfingstgeheimnisses ( Nr 2 ).

Es ist übrigens auch bemerkenswert und unerwartet, dass

Papst Paul VI als Haupthindernis für eine Evangelisierung nicht die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Arbeiter sieht, sondern nur ihren Mangel an Eifer: Von diesen Hindernissen, die sich auch in unserer Zeit stellen, wollen wir hier jedoch nur eines hervorheben, nämlich den Mangel an Eifer, der um so schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Er zeigt sich in der Müdigkeit, in der Enttäuschung, der Bequemlichkeit und vor allem im Mangel an Freude und Hoffnung. Wir ermahnen deshalb alle diejenigen, die auf irgendeine Weise und auf welcher Ebene auch immer mit der Evangelisierung beauftragt sind, gerade den geistlichen Eifer zu fördern (cf Rm 12,11) (Nr 80).

Man könnte fast glauben, unseren Pater Marie-Dominique

zu hören, wenn er uns an die Zurechtweisungen Jesu in der Apokalypse erinnert, und besonders an die der Gemeinde von Ephesus : Ich werfe dir vor, dass du deinen Eifer und deine erste Liebe verlassen hast ( Offb 2,4 ).

Es handelt sich also nicht zunächst um die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Arbeiter der Evangelisierung, die am meisten gefürchtet werden musste, sondern um ihren Mangel an Eifer. Dieser kommt oft von der Verdächtigung, eine Wahrheit aufzuerlegen, und sei es die des Evangeliums, einen Weg aufzudrängen, sei es der zum Heile, sei nichts anderes als eine Vergewaltigung der religiösen Freiheit. Im übrigen, so fügt man hinzu, wozu überhaupt das Evangelium verkünden, wo doch die Menschen durch die Rechtschaffenheit des Herzens zum Heil gelangen können. Außerdem weiß man doch, dass die Welt und die Geschichte erfüllt sind von „semina Verbi“: wäre es da nicht eine Illusion zu behaupten, das Evangelium dorthin zu bringen, wo es schon immer in diesen Samenkörnern anwesend ist, die der Herr selbst dort gesät hat? ( Nr 80 ) Sicherlich wäre es ein Irrtum, irgendetwas, was immer es auch sei, dem Gewissen unserer Brüder aufzunötigen. ( Nr 80). Aber darum geht

es nicht in der Evangelisierung. Es geht um das Recht der Menschen… die Verkündigung der Frohen Botschaft des Heils zu empfangen… ( Nr 80 ), weil hier die ganze Wahrheit ihres menschlichen Lebens auf dem Spiel steht, die keine Kultur vorgeben kann zu bewahren außer durch die Verkündigung der christlichen Offenbarung in voller Klarheit und gleichzeitig im Respekt der freien Meinungen ( Nr 80 ).

Darum schien diese apostolische Ermahnung nicht nur Papst Paul VI grundlegend ( cf Nr 5 ), sondern auch seinen Nachfolgern. Papst Johannes Paul II zitierte sie oft, und von seiner ersten Enzyklika an sieht er sie als Dokument, welches mit so großer Freude als Programm der Erneuerung im Bereich des Apostolates und zugleich der Pastoral aufgenommen worden ist. ( Redemptor Hominis Nr 5 ). Sie sei grundlegend, sagt Paul VI, denn die Verkündigung des Evangeliums ist für die Kirche nicht etwa ein Werk, das in ihrem Belieben stünde. Es ist ihre Pflicht, die ihr durch den Auftrag des Herrn Jesus Christus obliegt, damit die Menschen glauben und gerettet werden können. In der Tat, diese Botschaft ist notwendig. Sie ist einzigartig. Sie kann nicht ersetzt werden. Sie erlaubt weder Gleichgültigkeit noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen. Es geht hierbei nämlich um das Heil des Menschen. Sie stellt die Schönheit der Offenbarung dar. Sie bietet eine Weisheit, die nicht von dieser Welt ist. Sie ist imstande, durch sich selbst den Glauben zu wecken, einen Glauben, der auf der Macht Gottes gründet. ( cf 1 Kor 2,5 ). Sie ist die Wahrheit. Sie verdient es, dass der Glaubensbote ihr seine ganze Zeit und alle seine Kräfte widmet und, falls notwendig, für sie auch sein eigenes Leben opfert.

Bewahren wir also das Feuer des Geistes. Hegen wir die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn wir unter Tränen säen sollten, sagt uns Paul VI…es sei die große Freude unseres als Opfer dargebrachten Lebens. Die Welt von heute… möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben und die entschlossen sind, ihr Leben einzusetzen, damit das Reich Gottes verkündet und die Kirche in das Herz der Welt eingepflanzt werde. ( Nr 80 )

Unsere Berufung als Brüder vom Hl. Johannes ist es, solche Verkünder zu sein, die nicht nur gänzlich auf den Dialog mit dem heutigen Menschen eingestellt und der Überlieferung der Kirche vollkommen treu sind, sondern auch und vor allem Zeugen dieses Eifers des Geistes und der Freude Christi sind. Nach seinem Beispiel sollten wir in unserem eigenen Leben Zeugen des Evangeliums werden, das uns für die Seligpreisungen öffnet. Sie machen uns arm, damit wir nicht bei uns selbst stehen bleiben, sie machen uns aber auch reich an christlicher Weisheit, die nicht anders kann als jeden Menschen guten Willens anzuziehen. Diese verborgene Kraftquelle der Frohbotschaft für uns zu empfangen, die fähig ist, das Gewissen des Menschen tief aufzurütteln ( 4 ), ist die notwendige Bedingung unseres apostolischen Lebens, der Beginn jeder glaubwürdigen Evangelisierung. Paul VI sagt, dass es sich

im christlichen Lebenszeugnis schon um eine Anfangsstufe der Evangelisierung handelt ( Nr 21 ), und mehr denn je ist das Lebenszeugnis eine wesentliche Bedingung für die Tiefenwirkung der Predigt geworden ( Nr 76 ). Und er fügt hinzu : Es ist unabdingbar, dass unser Verkündigungseifer aus einer echten Heiligkeit unseres Lebens kommt, die aus dem Gebet und vor allem aus der Eucharistie Kraft und Stärkung erhält, und dass – wie uns das Zweite Vatikanische Konzil ans Herz legt – die Predigt ihrerseits den Prediger zu größerer Heiligkeit führt. ( Nr. 76 )

Die Aktualität dieser Apostolischen Exhortation ging weit über den Anlass der Synode der Bischöfe von 1974 zum Thema der Evangelisierung hinaus. Wir wollten, dass unsere Lebensregel dieses Licht erhalte, das uns in der Suche nach einem erfüllten Leben gemäß dem Evangelium in der Nachfolge Christi führt und uns ständig daran erinnert, dass das geweihte Leben unsere erste Evangelisierung ist, die uns zu Zeugen einer Wahrheit macht, die befreit ( cf Joh. 8,32 ) und die allein den Frieden des Herzens gibt ( Nr 78 ).

Dies ist eine schwierige Wahrheit, sagt Paul VI ( Nr 78 ), die größer als unser Menschenherz und doch so menschlich ist, menschlicher noch als das Herz des Menschen. In dieser Wahrheit würde unser persönliches und gemeinschaftliches Leben ein offenes Buch sein, ein lebendiges Evangelium, wo man ein wenig von der ewigen Jugend einer Kirche lesen könnte, die sich selbst evangelisiert, bis Er wiederkommt…

 

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