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Der Gründer —

Pater Marie-Dominique PHILIPPE, op.

Philippe

Biographie

Marie-Dominique Philippe wurde am 8. September 1912 im nordfranzösischen Cysoing geboren.

Er war das achte von zwölf Kindern; zwei seiner Brüder wurden ebenfalls Dominikaner, vier Schwestern traten in kontemplative Frauenorden ein.

Der Gründer der Johannesgemeinschaft - Pater Marie-Dominique PHILIPPE

Im Jahr 1930 trat Philippe bei den Dominikanern in Amiens ein, seine Studien absolvierte er in Belgien. Im Juli 1936 wurde er zum Priester geweiht. Es folgte eine Lektorats-Arbeit in Philosophie und eine theologische Dissertation. Ab 1939 lehrte er Philosophie und Theologie im ordenseigenen Studienhaus in le Saulchoir d’Etiolles bei Paris und von 1945 bis 1982 war er Philosophieprofessor an der Universität in Fribourg, Schweiz.

Von Anfang an lag P. Philippe viel an einer Erneuerung der philosophischen und theologischen Studien durch eine „Besinnung auf die Wurzeln“: die „Erfahrung“ im Sinne von Aristoteles und der „kontemplative Glaube“ auf den Spuren des Kirchenlehrers Thomas von Aquin und des Apostels Johannes, dessen Schriften ihn faszinierten und begleiteten. Die Suche nach der Wahrheit in den drei Bereichen der Weisheit – Philosophie, Theologie und Mystik – prägte sein Leben.

Parallel zu seiner universitären Lehrtätigkeit war „Pater Marie-Do“, wie er von seinen Schülern liebevoll genannt wurde, als Referent tätig. Seine Zuhörerschaft war vielfältig: Familien und junge Menschen, Unternehmer und Gewerkschaftler, Psychologen und Ärzte, Künstler u.v.m. Er hielt Einkehrtage und Exerzitien in vielen Klöstern sowie in den „Foyers de Charité“, vor allem in Châteauneuf-de-Galaure, wo die Mystikerin Marthe Robin lebte, aber auch in französischsprachigen Ländern Afrikas.

Ab 1949 veröffentlichte er über 35 Werke in Philosophie, Theologie und Spiritualität, wovon einige in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Dazu kommen zahlreiche Artikel. Die Themen reichen von Metaphysik und Philosophie der Kunst über das Johannesevangelium, das Geheimnis Christi und der Gottesmutter Maria bis zur Familie.

1975 gründete P. Philippe – auf Anregung französischer Studenten – in Fribourg die Gemeinschaft der Johannesbrüder; wenige Jahre danach erfolgte die Gründung der Johannesschwestern mit dem kontemplativen und apostolischen Zweig. Zusammen mit den Oblaten, d. h. den Laien, die sich der Gemeinschaft anschließen, bilden sie eine neue geistliche Familie in der Kirche, die „Familie des Heiligen Johannes“.

Nach seiner Emeritierung 1982 zog Pater M.D. Philippe mit der jungen Gemeinschaft nach Frankreich. Als Generalprior leitete er die stark wachsende und sich weltweit ausbreitende Johannesgemeinschaft und lehrte Philosophie und Theologie in deren Ausbildungshäusern in Rimont (Bourgogne) und Saint Jodard (Loire). Seit 1974 verband ihn eine tiefe Freundschaft mit Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II.

2001 folgte ihm P. Jean-Pierre-Marie Guérin-Boutaud als Generalprior. Pater Philippe vermittelte weiterhin unermüdlich den Mitgliedern der Gemeinschaft die Ergebnisse seiner philosophischen und theologischen Forschungen. In dem 2005 erschienenen Band „Retour à la source“ ist seine philosophische Reflexion über die menschliche Person dargelegt.

Im Juli 2006 erlitt er einen Gehirnschlag und verbrachte die letzten Wochen seines Erdenlebens auf dem Krankenlager, in schweigender Erwartung der Begegnung mit seinem geliebten Herrn und Gott.

Am 26. August 2006 ging P. Marie-Dominique Philippe zum Vater heim.

Das Requiem feierte Kardinal Philippe Barbarin am 2. September in der Kathedrale von Lyon. Nach der Seelenmesse wurde P. Philippe im Kreis der St. Johannes Gemeinschaft auf dem Friedhof des Mutterhauses in Rimont beigesetzt.

Im Anschluss an das Generalkapitel im Jahr 2013 hat P. Thomas Joachim, Generalprior, alle Brüder darüber informiert, dass er glaubwürdige Zeugenaussagen erhalten hatte in Bezug auf Verhaltensweisen von P. Philippe, die gegen die Keuschheit verstießen. Diese Aussagen wurden anschließend auch offiziell von der „Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens“ in Rom bestätigt. Gleichzeitig hat diese auch die spirituelle Dynamik hervorgehoben, die durch P. Philippe weitergegeben wurde.

Texte von P. Philippe

Neu anfangen bei Christus

NEU ANFANGEN BEI CHRISTUS  (1.Kapitel)

Exerzitien über das Johannesevangelium

I. KAPITEL: IN DIE WÜSTE ZIEHEN

Wir laden euch ein, einige Zeit mit Johannes und seinem Evangelium zu verbringen, mit anderen Worten, wir laden euch ein zu Exerzitien. Zu Beginn wollen wir uns klarmachen, in welchem Geist wir diese paar Tage leben werden. Unter der Führung des Heiligen Geistes versuchen wir, in das Geheimnis Jesu, in das Geheimnis des Lammes einzudringen. Dann werden wir entdecken, was uns Jesus selbst sagen und mitteilen will: wie er den Vater anblickt, wie er uns den Heiligen Geist gibt (der Heilige Geist führt uns zu Jesus, und Jesus gibt uns den Heiligen Geist), wie er Maria anblickt und die Kirche … und wie er uns anschaut, jeden einzelnen. Denn du selbst machst die Exerzitien mit Christus unter der Führung des Heiligen Geistes, um zu entdecken, was christliches Leben ist. Danach suchen wir, solange wir auf Erden sind. Wir wollen die Bedeutung unseres christlichen Lebens entdecken; und auch die Bedeutung unseres menschlichen Lebens, das aber in unser christliches Leben hineingenommen und dadurch umgestaltet wird. Damit aber unser Christsein Sinn erhält, müssen wir unsere Beziehung zu Jesus entdecken, müssen wir das anspruchsvolle Leitwort von Johannes in der Apokalypse verstehen lernen: Sie folgen dem Lamm, wohin es geht.  Auf dieses Leitwort werden wir in diesen Tagen immer wieder zurückkommen.
Weil wir verstehen wollen, was dieses Wort bedeutet, werden wir nach den Zeichen suchen, die uns das Lamm hinterlässt, wie der „Däumling“ im Märchen… Ja, es ist wahr, Jesus geht uns ständig voran und bittet uns, ihm zu folgen. Wir wollen hoffen, dass wir während der Exerzitien ein wenig schneller laufen als sonst. Gewöhnlich trödeln wir … Aber in den Exerzitien können wir das Lamm „einholen“, ihm ganz nah sein und seinem Blick begegnen. Wenn man Jesus nur von weitem folgt, dann tut man es eher unbewusst. Wenn wir ihm aber ganz nah sind und ihm wirklich sehr dicht folgen, dann wendet er sich um und blickt uns an.
Der Blick Jesu! … Wir wollen uns in diesen Exerzitien vom Lamm anschauen lassen; wir wollen begreifen, was seine Liebe bedeutet, was unsere Beziehung zu ihm – jenes geheimnisvolle Band des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe – bedeutet. Diese göttlichen Tugenden erscheinen uns vielleicht ein wenig abstrakt und fremd. Und dabei sollten sie in uns doch ganz lebendig und konkret sein: der Glaube ist eine lichtvolle Beziehung zu Jesus, eine Beziehung, die uns das Licht Christi schenkt; durch die Hoffnung können wir uns auf Jesus stützen; und die Liebe vereint das Herz Christi mit unserem Herzen. Diese tiefe Beziehung müssen wir immer mehr entdecken. Das ist das einzige Ziel von Exerzitien.
Wir sind auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit Jesus verbunden; und das müssen wir im Glauben herausfinden – also im Dunkel. Wir werden dieses Dunkel des Glaubens noch genauer erklären: der Glaube ist sowohl eine Prüfung als auch ein Geschenk. Ist das nicht seltsam: Geschenke, die Prüfungen sind? Und doch ist es wahr: der Glaube ist ein Geschenk Gottes, und er ist zugleich eine Prüfung; die Hoffnung ist ein Geschenk Gottes, und sie ist eine Prüfung … Nur die Liebe ist reines Geschenk und keine Prüfung an sich; aber wegen des Glaubens und der Hoffnung wird auch sie manchmal zur Prüfung. Lieben, ohne zu sehen, ohne zu besitzen, ist hart! Gerade deshalb brauchen wir Zeiten zum Auftanken in unserem christlichen Leben, Zeiten zum Kraftschöpfen bei Jesus. Und genau dafür sind Exerzitien da.

Die Wüste – Stille und Anbetung
Weil das Schweigen unser übliches Geschwätz stoppt, schweigt man während Exerzitien. Wir wären erstaunt, wenn wir einmal an einem Abend zählen würden, wie viele unnütze Worte wir während des Tages gesprochen haben; und wie viele wir auch angehört haben, denn den anderen geht es damit genauso wie uns. …Deshalb ist Schweigen so wichtig, um ein wenig Abstand zu gewinnen.
Hier handelt es sich nicht um Einzelexerzitien, wo jeder seine kleine Hütte hat, seine kleine Einsiedelei mit einer großen Wüste rund herum. Das wäre wunderbar, aber einige würden es nicht aushalten. Schon nach dem ersten Tag würden sie sagen: „Nichts wie weg hier!“ Und sie würden gehen, denn es ist nicht leicht, den ganzen Tag in der Wüste zu sein. Wem sich einmal die Gelegenheit bietet, dem rate ich, eine Wüstenerfahrung zu machen, und wenn es auch nur ein paar Tage sind. Das muss nicht unbedingt eine Wüste wie die Sahara sein, wohl aber ein Ort der Stille. Möglicherweise wird das nicht leicht sein, denn wir haben manchmal Angst vor der Stille; wir sind ja gewohnt, dass die ganze Zeit um uns herum geredet wird.
Natürlich schweigen wir nicht um des Schweigens willen, denn das würde überhaupt keinen Sinn machen. Wir bemühen uns zu schweigen, um ein wenig Abstand zu gewinnen, uns ein wenig abzuschirmen, uns in jener „inneren Zelle“ zu verbergen, die in uns durch das Schweigen entsteht. So können wir uns gegenseitig umso besser respektieren. Wenn wir neben jemandem sind, der schweigt, animiert uns das auch selbst zum Schweigen. Und dieses Schweigen ist uns dann überhaupt nicht peinlich, denn wir wissen ja, dass alle sich daran halten sollen. Wenn man das nicht im Voraus wüsste, wäre einem natürlich eher unbehaglich zumute neben jemandem, der schweigt. Man würde denken: „Hat der was gegen mich? Er schweigt … Was hat er nur?“ Und man wüsste nicht recht, was tun… Während der Exerzitien aber wissen wir, dass alle dazu angehalten sind, zu schweigen. Auf diese Weise fühlt sich jeder wohl dabei.
Das Schweigen ist also ein wichtiger Anspruch der Exerzitien, da wir einen gewissen Abstand, eine innere Wüste brauchen, in der wir Gott anbeten. Um das besser zu verstehen, wollen wir jene schöne Stelle im Alten Testament betrachten, die uns von der Berufung des Mose berichtet.  Gott trägt Mose auf, zu seinem Volk zu gehen und es drei Tagesmärsche weit in die Wüste zu führen. Dort soll Israel anbeten und den Sinn seiner Berufung wiederentdecken. Das Volk Israel war damals unter dem Joch des Pharao und musste Pyramiden bauen, gewaltige Bauwerke. Heute würden wir sagen: Autobahnen oder Ähnliches. Es ist wahr, wir alle sind ein wenig unter dem Joch des Pharao, eines anonymen Pharao. Wir werden alle sehr vereinnahmt von der Arbeit, von Programmen, von all dem, was wir tun müssen… und sehr bald haben wir keinen Augenblick mehr Zeit zum Beten.
Einmal hat jemand eine Reise nach Indien gemacht. Nach seiner Rückkehr fragte ich ihn, was ihn dort am meisten beeindruckt habe. Da sagte er schlichtweg: „Wenn man in unserem alten Europa (und in Amerika wäre es dasselbe) zu jemandem sagt, er solle beten, antwortet er: ‚Oh nein! Ich habe keine Zeit, ich habe zuviel Arbeit.‘ Dort habe ich etwas Herrliches gehört: ‚Ich habe keine Zeit mehr zum Arbeiten, weil ich unablässig bete.‘ “ Natürlich kann es da auch Übertreibungen geben, das ist klar. Aber wir verstehen gut, was er sagen wollte. Es stimmt: Wir werden alle sehr in Beschlag genommen von der Arbeit. Die Faulheit ist nicht der vorherrschende Fehler unserer Zeit. Unser typischer Fehler ist, glaube ich, dass wir nicht mehr beten.
Wenn man sich ein wenig an die Arbeit gewöhnt hat, ist sie äußerst angenehm. Man entfaltet sich nämlich dabei, wird intelligenter und lernt viele Dinge. Deshalb ist Arbeit wunderbar, vor allem geistige Arbeit – auch wenn sie mitunter schwierig ist. Je mehr man nämlich arbeitet, desto intelligenter wird man und desto lieber arbeitet man. Man macht also ständig Fortschritte. Wir laufen aber dabei Gefahr, uns von der Arbeit berauschen zu lassen bis wir schließlich glauben, sie sei der Sinn unseres christlichen Lebens. Nein! Die Arbeit gehört zwar zu unserem christlichen Leben, das stimmt, und es ist wichtig, ihre Bedeutung aus christlicher Sicht zu verstehen. Zu unserem christlichen Leben gehört aber noch weit mehr: wir müssen Gott begegnen. Christsein bedeutet, mit Gott verbunden zu sein. Nun sind wir aber beim Arbeiten nicht unbedingt direkt mit Gott in Kontakt, sondern mit Dingen, die niedriger sind als wir, wie der Materie, dem Holz, der Erde – oder den Büchern. Indem wir mit diesen Dingen arbeiten und sie umgestalten, schaffen wir ein Werk. Bei der Arbeit geht es also um unsere Beziehung zur Welt, zum Universum. Deshalb können wir darin nicht unsere Finalität, den Sinn unseres Lebens finden. Diesen entdecken wir nur, wenn wir Gott entdecken. Wie aber können wir Gott entdecken?

Anbetung – Emporsteigen zur Quelle
Das Volk Israel musste zunächst drei Tage durch die Wüste marschieren. Wir werden ein wenig schneller sein, weil wir Christen sind. (Wir gehören nicht mehr zum Alten Testament.) Als Christen wollen wir uns aus Liebe beeilen. Deshalb wollen wir gleich morgen den Sinn der Anbetung entdecken. Wir gehen drei Tagesmärsche weit in die Wüste und beten an. Exerzitien sind dazu da, dass wir diese erste Begegnung mit Gott erfahren in der Anbetung. Das vergisst man leicht. Wahrscheinlich kämen wir auf ziemlich erstaunliche Antworten, wenn jeder auf einen kleinen Zettel schreiben sollte, was Anbetung ist und welche Erfahrung er damit hat. Was heißt „Gott anbeten“? Wissen wir das wirklich aus Erfahrung, oder können wir nur eine Antwort geben, die wir auswendig gelernt haben?
Gott anbeten heißt, sich in seine Gegenwart begeben. Im Grunde ist die Anbetung eine Geste der Höflichkeit gegenüber Gott. Wir erkennen an, dass Gott, unser Schöpfer, hier gegenwärtig ist, dass er uns liebt, dass er unsere Seele ständig im Sein erhält, gewissermaßen ständig erschafft. In der Anbetung überlassen wir uns also bewusst seiner Hand. Man kann sich nämlich nicht wirklich der Gegenwart Gottes bewusst sein, ohne eine Haltung der Anbetung einzunehmen. Anbeten heißt somit: zur Quelle zurückkehren.
Charles Péguy sagt, Philosophie sei das Emporsteigen zur Quelle. Wir wissen nicht mehr richtig, was Philosophie ist. Dabei ist sie etwas Großartiges, da sie die Tiefe der menschlichen Natur wiederentdecken will. Während der Exerzitien werden wir also gelegentlich Ausflüge in die Philosophie machen, damit wir intelligenter werden und besser lieben können. Die Philosophie soll hier dem Glauben dienen: es gilt, Gott und unserem Nächsten mit Klugheit zu begegnen. Was den Nächsten anbelangt, so wird das während dieser Exerzitien relativ leicht sein, da wir schweigen. Und um Gott mit Klugheit zu begegnen, werden wir uns vor allem bemühen zu beten.
Die Exerzitien sollen uns beten lehren; sie sollen uns lehren, Gott, Christus mit Klugheit zu begegnen. Und ich glaube, man kann das, was Péguy von der Philosophie sagt, auf die Exerzitien anwenden: „Die meisten Menschen schwimmen mit dem Strom. Auch Leichen schwimmen mit dem Strom.“ Ja, um mit dem Strom zu schwimmen, braucht man nicht zu leben, das natürliche Gewicht genügt. Das ist die „Spiritualität eines Treibholzes“! Wenn ihr jemanden fragt, warum er so oder so handelt, und er antwortet: „Das tun doch alle“ – das ist die „Spiritualität eines Treibholzes“. Man schwimmt einfach mit, ganz egal warum, denn das tun doch alle …
Wir aber wollen zur Quelle emporsteigen, und das ist schwierig. Natürlich darf man das nicht tun, weil man Spaß daran hat, grundsätzlich gegen alles zu sein, reaktionär zu sein. Es gibt natürlich solche Leute, die zwar nicht zur Quelle gehen wollen, jedoch gern reaktionär sind, aber das ist etwas anderes. Das ist keine bestimmte „Spiritualität“ mehr, das ist ganz einfach ein schlechter Charakter. Darum geht es nicht. Wir hingegen wollen zur Quelle emporsteigen; sie ist unser Ziel. „Aber es gibt nicht viele, die zur Quelle emporsteigen“, sagt Péguy. Wenn man zur Quelle emporsteigen will, muss man sich manchmal damit abfinden, allein zu sein.
Als Christen brauchen wir viel Kraft, um zur Quelle emporzusteigen und nicht mit dem Strom zu schwimmen „wie alle“. Dieses Emporsteigen zur Quelle ist die Anbetung, und sie verlangt eine Anstrengung. Man betet nicht an, wie man atmet oder wie man den Duft einer Blüte riecht und sagt: „Das riecht gut!“ Nein, so betet ihr Gott nicht an. Es gibt Leute, die sagen: „Beten, das heißt ganz einfach, zu sich selbst kommen.“ Vorsicht! Was bedeutet „zu sich selbst kommen“? Man kann auf unterschiedliche Art zu sich selbst kommen: indem man sich entspannt, indem man sich im Spiegel betrachtet, indem man anderen zuhört … und man kann im Innersten seines Seins zu sich selbst kommen.
Es bedarf eines Willensaktes, wenn man zur Quelle emporsteigen will. Das ist sogar der grundlegendste Willensakt, glaube ich, und wenn man nicht mehr anbetet, dann wird es auch an Willenskraft fehlen. Das erstaunt uns vielleicht, ist aber zutiefst wahr. Ein Mensch, der nicht mehr anbetet, irrt umher und schwimmt mit dem Strom, da es ihm an Willenskraft mangelt. Man muss zur Quelle emporsteigen wollen. Man muss einen Akt der Anbetung setzen wollen. Deshalb müssen wir während der Exerzitien versuchen, Akte der Anbetung zu vollziehen. Bitten wir den Heiligen Geist, uns das zu lehren, denn er lehrt uns anbeten. Der Exerzitienleiter zeigt den Weg, aber der Heilige Geist selbst ist da, wenn wir beten, er selbst lehrt uns diesen elementaren Akt der Anbetung. Denn die Anbetung ist die wesentliche Grundlage unseres christlichen Lebens.
Erinnern wir uns an das Wort des Herrn: Wenn ihr ein Haus bauen wollt (und wir alle bauen ein Haus, den Tempel Gottes, der wir sind ), baut es nicht auf Sand, weil es sonst einstürzt. Sucht Felsengrund, und baut darauf euer Haus.  Anbeten heißt, den Felsen zu entdecken, jenen tiefen Kontakt mit Gott, jene Vertrautheit mit ihm, von dem wir abhängen. So erleben wir die Gegenwart des Schöpfers in der Tiefe unseres Seins. Wie Augustinus so treffend sagt: Gott ist innerlicher als unser Innerstes.  Und das ist wahr. Zwischen Gott und uns gibt es keine Distanz, weil er uns in unserem Innern berührt. Es gilt also, diese Gegenwart zu entdecken, diese Quelle, die „sprudelnde Quelle“ . Gott ist ja der Urquell, aus dem alles Licht und alle Liebe hervorströmen, aus dem alles Seiende hervorgeht.
Diese Quelle sollen wir entdecken! Wir können sie nur in der liebenden Haltung der Anbetung entdecken. Denn der Akt der Anbetung ist ein Akt der Liebe, aber einer ganz besonderen Liebe: der radikalen Liebe, in der wir uns der Hand Gottes überlassen. Wir wissen, dass wir von Gott stammen und zu ihm zurückkehren, und hier treten wir vor Gott hin (deshalb sagte ich, dass der Akt der Anbetung wirklich eine Geste der Höflichkeit gegenüber Gott ist). Wir anerkennen, dass Gott gegenwärtig ist, und deshalb nehmen wir die normale Haltung eines Geschöpfes ein, das die Gegenwart seines Schöpfers anerkennen will. Gott ist im Innersten unseres Herzens gegenwärtig, Gott ist im Innersten unseres Geistes gegenwärtig, und das anerkennen wir.
Wir beten immer zusammen mit Jesus und Maria an. Ohne Christus können wir nicht anbeten. „Denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“  Und das erste, was Christus uns lehrt, ist die Anbetung, dazu ist er zu uns gekommen. Wenn wir anbeten, beten wir also mit ihm an. Und Maria ist immer dabei. Das ist wichtig: wir können nur mit Jesus wirklich im Geist und in der Wahrheit  anbeten, in Liebe anbeten.
Wir möchten Gott nahe sein, weil wir wissen, dass er uns liebt. Diese höchste Liebe, von der wir auf einzigartige Weise geliebt werden, wollen wir entdecken und darauf antworten mit der Anbetung, mit dieser besonderen, ganz persönlichen Geste. Denn jeder von uns hat seine eigene Art anzubeten und zu lieben. Dadurch sind wir wirklich originell. Wenn man Originalität woanders sucht, hat man nicht verstanden, dass echte Originalität innerlich ist. Wenn wir das einmal erfasst haben, sind uns Äußerlichkeiten ziemlich gleichgültig, sie sind zweitrangig! Wichtig ist die tiefe Originalität unseres Aufstiegs zur Quelle, zur Gegenwart Gottes in der Anbetung. Keiner betet Gott auf dieselbe Weise an wie sein Nachbar. Man sagt, es gibt keine zwei Blätter, die gleich sind – und das stimmt. Es gibt nicht zwei Lebewesen, die gleich sind. Auch die Geistseele des Menschen lebt und atmet – nämlich in der Anbetung. Ist das nicht der natürlichste Akt des Menschen? Nur wenn der Mensch Gott anbetet, ist er ganz Mensch. Wer nicht mehr anbetet, hat vergessen, was ihn eigentlich charakterisiert – und das ist schrecklich! Er wird sehr schnell in die Anonymität geraten. Warum gibt es so viele Menschen, die in die Anonymität geraten, so viele Menschen, die sich von irgendeinem politischen, soziologischen oder psychologischen Programm vereinnahmen lassen? Weil sie die tiefe Bedeutung ihres Seins und ihres menschlichen Lebens vergessen haben. Diese Bedeutung kann man nur durch die Anbetung entdecken.
Anbetung ist grundsätzlich der persönlichste Akt des Menschen. Sie ist vorrangig in der Erziehung. Der Heilige Geist kann uns nicht erziehen, wenn wir nicht anbeten. Wer behauptet, vom Heiligen Geist geführt zu werden, aber nicht anbetet, der täuscht sich bestimmt. Die Anbetung ist also das große Kriterium. Wenn jemand meint, vom Heiligen Geist geführt und erleuchtet zu sein, so frage: „Beten Sie an?“ Und wenn er antwortet: „Ich weiß nicht, was das ist“, so ist das gewiss nicht der Heilige Geist, der da wirkt. Das ist seine Phantasie, aber nicht der Heilige Geist. Der Heilige Geist kann nur auf uns einwirken, wenn wir anbeten. Die Anbetung ist also ein Akt, den wir unbedingt entdecken müssen – und das ist das Ziel dieser Exerzitien.
Drei Tage in der Wüste wandern, damit wir den Sinn unseres christlichen Lebens wiederentdecken. Vergessen wir nicht, dass Gott zweitausend Jahre lang sein Volk durch die Anbetung geformt hat. Das erste Gebot lautet: „Du sollst einen einzigen Gott anbeten.“  Und da nicht ein Jota des Gesetzes ungültig wird , bleibt auch für uns die Anbetung wirklich das erste Gebot in der Pädagogik Gottes. Gott erzieht uns durch die Anbetung.
Ich erzähle euch eine schöne Geschichte, die nicht erfunden ist, sondern wahr; die Geschichte eines Abtes von Citeaux, Dom Belorgey. Die, die ihn gekannt haben, wissen, dass er nicht irgendwer war. Er war „charismatisch“ – wie man heute sagen würde – aber wirklich tief charismatisch, nicht nur äußerlich. Er war ein außergewöhnlicher Mann, ein Spätberufener, Tierarzt in der Armee (man sieht, wie Gott einen künftigen Abt vorbereitet!). Dank eines Laienbruders, dem er im Zug begegnet war, hatte er sich bekehrt. Dom Belorgey selbst hat mir das erzählt. Der Trappistenbruder hatte ihn in sein Kloster mitgenommen. Dort ist er von der Gnade Gottes ergriffen worden und ist geblieben. Die Trappisten sind Kontemplative, und er wollte in das kontemplative Leben eintreten. Zu Beginn hatte er eine besondere Gnade. Solch tiefe Gnaden Gottes erfassen einen so sehr, dass man nichts anderes sieht. So war es bei ihm, und das war wunderbar! Als er dann nach ein paar Jahren die Profess ablegte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er sagte sich: „Nein, so etwas! Ich glaubte, sie seien Kontemplative, aber sie sind ja Arbeiter!“ Das ist wahr, bei den Trappisten kann manchmal die Gefahr bestehen, dass sie zu einer Gemeinschaft von Arbeitern werden. Dom Belorgey sah, dass die Mönche am Abend, nach der schweren Feldarbeit, ihr Offizium manchmal mit viel Mühe beteten – sie kämpften gegen den Schlaf. Und am Morgen standen sie sehr früh auf, die Nacht war nicht lang genug gewesen, und manchmal wurde sie im Chor verlängert. Nur auf dem Feld, bei der schweren Arbeit, waren sie ganz in ihrem Element. Er sagte sich also: „Ich glaubte, in eine beschauliche Gemeinschaft eingetreten zu sein, aber sie sind Arbeiter!“ Und er erkannte, was Gott damals von ihm erwartete: „Sei kontemplativ, bete, und urteile nicht über deinen Nächsten.“
Es ist gut, sich das für die Exerzitien zu merken: Schauen nicht auf die anderen, sondern lassen wir uns vom Heiligen Geist leiten! Wenn uns Gott mit viel Liebe beten lässt, sollen wir nur ja nicht unseren Nachbarn beobachten, wie er betet. Das hat keinen Wert, weil man dann unnütz über ihn urteilt. „Schielen“ wir also nicht auf den oder die neben uns. Wenn man anbetet, hat man beide Augen auf Gott gerichtet, nicht das eine bei Gott und das andere beim Nachbarn! Nein, man betet, denn man ist vor Gott.
Um auf Dom Belorgey zurückzukommen: Eines schönen Tages wurde er zum Abt ernannt. Da sagte er sich: „Nun bin ich verantwortlich für diese Gemeinschaft von Arbeitern, die zu einer beschaulichen Gemeinschaft werden soll.“ Nun konnte er nicht mehr ignorieren, was um ihn herum geschah. Also rief er den Heiligen Geist an, der ihn nur zu gern erhörte. Und der Heilige Geist sagte zu ihm: „Erinnere sie an die Pflicht der Anbetung! Sie beten nicht mehr an. Sie versuchen, Gott zu lobsingen, aber sie beten nicht mehr an, so dass ich nicht mehr an sie herankomme! Ich muss sie machen lassen.“ Er fragte dann den Heiligen Geist, was er tun solle. Und der Heilige Geist sagte zu ihm, in einem kleinen inneren Gespräch: „Sag jedem, dass er siebenmal am Tag anbeten soll.“
Ich erzähle diese Geschichte gern, weil diese täglichen sieben Akte der Anbetung alles verändern können. Während der Exerzitien kann das jeder tun. Und wenn man einmal begonnen hat, macht man im Alltag einfach weiter. Denn diese täglichen sieben Akte der Anbetung sind „das Brevier der Armen“, der Laien. Es gibt das Brevier der Mönche, deren Tagesablauf durch das Stundengebet gegliedert wird, zum Lob Gottes. Daneben gibt es aber auch das „Brevier der Armen“, der Laien, die mit vielen Dingen beschäftigt sind und kein so regelmäßiges Leben haben wie die Mönche. Und das „Brevier der Armen“ besteht darin, seinen Tag durch sieben Akte der Anbetung zu gliedern. Das ist leicht, man muss es nur wollen, Gott anbeten wollen, innerlich aufwachen, um vor Gott zu sein. Man darf das aber nicht mechanisch machen! Nein, es sollen wirklich Akte der Anbetung sein. Und wenn der Akt der Anbetung tief ist, muss unser Körper mit unserem Geist mitgehen. Unser ganzes Sein betet Gott, unseren Schöpfer an – nicht nur die Tiefe unseres Verstandes  und die Tiefe unseres Herzens. Wir überlassen uns seiner Hand.
Wenn wir am Morgen aufwachen, soll es unsere erste Tat sein, Gott anzubeten, anzuerkennen, dass wir jeden Augenblick alles von ihm empfangen und ihm alles übergeben. Ist man zu mehreren in einem Zimmer, dann ist das vielleicht ein wenig schwierig, doch was soll’s! Welch wunderbares Beispiel gibt man, indem man Gott anbetet! Warum eigentlich nicht? Ja, wir wollen anerkennen, dass Gottes Schöpfungsakt uns „trägt“, uns im Sein erhält und dass er uns näher ist, als wir uns selbst, wir wollen ihm unseren Tag darbringen. In der Anbetung schenken wir Gott unseren Tag, und wir schenken ihm unser Leben. Wir nehmen in der Anbetung schon vorweg, was dann in unserem Tod endgültig geschieht. Wir anerkennen, dass Gott Herr über Leben und Tod ist. Wir anerkennen, dass er unser Schöpfer ist und übergeben ihm alles.
Und am Abend, als letzten Akt des Tages, vor dem Einschlafen, wollen wir ebenso Gott anbeten. Dazu finden wir leicht noch fünf weitere Anbetungsmomente während des Tages, zum Beispiel jedesmal, wenn wir die Tätigkeit wechseln.
Dom Belorgey hat das also jedem Mönch zuerst persönlich erklärt. Dann sagte er es noch einmal zur ganzen versammelten Gemeinschaft. Hier kann ich es nicht erst jedem von euch persönlich sagen, ich muss es euch gleich allgemein sagen – und das ist schlecht, weil jeder denken wird: „Oh, das gilt meinem Nachbarn, weil der nicht beten kann. Aber ich kann ja beten, also brauche ich das nicht.“ Nein! Die Exerzitien machen uns alle zu Novizen des Heiligen Geistes. So sind Exerzitien. Und das Noviziat des Heiligen Geistes besteht darin, das ABC unseres christlichen Lebens zu lernen, also Akte der Anbetung zu setzen. Wir werden sie unser Leben lang machen, und wir werden sie ewig machen, weil wir ewig Novizen des Heiligen Geistes bleiben. Hier auf der Erde verstehen wir das schwer, aber im Himmel wird es unsere Herrlichkeit sein, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein und ewig Akte der Anbetung zu darzubringen. Also ist es gut, bereits auf dieser Erde unseren Tag durch sieben Akte der Anbetung zu unterteilen.
Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: Dom Belorgey sagte mir, dass seine Gemeinschaft von Arbeitern nach sechs Monaten zu einer Gemeinschaft von Kontemplativen geworden war. Ich fand das bewundernswert und erkannte darin das Wirken Gottes. Wie viele Christen beten heute nicht mehr an! Sie wissen nicht einmal, was das ist. Sie verrichten noch Gebete, aber sie wissen nicht, was ein persönlicher Akt gegenüber Gott ist. Ist die Anbetung nicht genau das? Wenn man anbetet, ist man vor Gott allein. Und das ist gut, denn es gibt uns ein wenig Selbständigkeit und unsere Persönlichkeit entfaltet sich. Im Grunde sind wir nur wahr, wenn wir vor Gott sind. Deshalb sind wir in der praktischen Wahrheit unseres Lebens, wenn wir anbeten, und frei von allem anderen. Wenn wir vor Gott sind, wissen wir, dass er uns behütet. Wir werden frei von unseren gewöhnlichen Lebensumständen, wenn wir anbeten, wenn wir anerkennen, dass wir von Gott, und letztendlich nur von ihm, abhängen.
Die Anbetung führt uns normalerweise zu einer größeren Vertrautheit mit Gott. Sie ist die Tür zum inneren Gebet, jenem direkten Kontakt mit Gott im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Es geht wirklich um das innere Gebet und nicht nur um das Aufsagen von Gebeten. Es ist gut, formulierte Gebete zu sprechen, aber das soll uns zum inneren Gebet führen. Wie der heilige Thomas sagt, ist jedes mündliche Gebet auf das innere Gebet hingeordnet, und auf dieses innere Gebet kommt es an. Man versteht das gut, denn Gott ist Geist.  Er will also vor allem ein inneres Gebet. Das gemeinschaftliche, mündliche Gebet ist ausgezeichnet, wenn es auch persönliches Gebet gibt. Das mündliche Gebet kann uns helfen. Wenn wir mit anderen den Rosenkranz oder Psalmen beten, kann das eine Hilfe für uns sein. Es kann uns aber auch genauso passieren, dass uns das mündliche Gebet überhaupt nicht hilft, weil wir nicht alle im selben Rhythmus „in die Pedale treten“. Da ist z. B. jemand neben uns, der ganz schnell betet, das ist sein Rhythmus, aber wir kommen fast nicht mit; und es gibt andere, die sehr, sehr langsam beten, sodass man fast einschläft! Übrigens will es geübt sein, gleichzeitig und gleichmäßig mit anderen zu singen. Diese Übung gehört zum liturgischen Gebet dazu; es ist etwas Großartiges, aber es muss vom persönlichen Gebet begleitet werden. Außerdem hat man ja auch nicht immer eine christliche Gemeinschaft in der Nähe. Während der Exerzitien ist beides nötig. Das gemeinsame Gebet soll uns zur Stille der Anbetung führen. Und wenn wir in der Anbetung bei Jesus sind, wollen wir ihn bitten, uns schweigen, uns anbeten zu lehren. Die Anbetung führt uns zur Vertrautheit mit Jesus. Das ist das Ziel der Exerzitien: Jesus durch die Anbetung entdecken. Das ist das Wesentliche.

Gewissenserforschung im Licht Christi
Während der Exerzitien soll man auch eine Gewissenserforschung machen. Ich will nicht zu sehr darauf beharren, aber es wäre gut. Man soll Bilanz ziehen, allerdings weniger auf psychologischer Ebene – das ist während Exerzitien nicht notwendig – obgleich man das auch tun kann. Eventuell wird man sich bewusst, dass man sehr erschöpft ist, und kann deshalb versuchen, ein wenig mehr zu schlafen. Aber eine solche Erforschung ist ziemlich schnell gemacht, sie dauert nicht lange!
In psychologischer Hinsicht kann es noch andere Dinge geben: Man sieht beispielsweise, dass man zu schnell in Zorn gerät oder dass man niemals in Zorn gerät, weil man dazu nicht fähig ist – auch das kann vorkommen. Und die Leute, die nie in Zorn geraten, bringen manchmal die anderen in Zorn. Wenn man ihnen etwas sagt, hat man den Eindruck, es versinkt wie in Butter, so als ob man ihnen überhaupt nichts gesagt hätte. Nichts bringt einen leichter in Zorn.
Im Grunde ist es also gut, von Zeit zu Zeit eine kleine psychologische Gewissenserforschung zu machen, ohne es allerdings zu wichtig zu nehmen. Was uns anbelangt, so handelt es sich um eine Gewissenserforschung vor Christus. Wir haben Jesus entdeckt, und nun begeben wir uns unter seinen Blick und fragen ihn, was er von uns erwartet. Christliche Gewissenserforschung heißt, Bilanz ziehen, erkennen, dass wir Sünder sind. Es ist nämlich notwendig zu erkennen, dass wir Sünder sind. Und es ist nicht schwer, die vorherrschende Sünde, die vorherrschende Neigung in uns zu entdecken. Wir brauchen nicht lange suchen. Ich kann es von jedem sofort sagen, weil es bei unseren Sünden keine Originalität gibt. Unsere Originalität liegt in der Liebe und in der Anbetung, aber nicht in unseren Sünden. Manche sagen: „Ich will Erfahrungen sammeln“, und dann erlauben sie sich alles Mögliche. Die Armen! Sie merken nicht, dass die Erfahrung der Sünde eine negative Erfahrung ist und folglich keineswegs originell. Unsere einzige Originalität ist es, zu lieben, wirklich zu lieben. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen, weil man sich sonst sehr leicht verführen lässt. Wie oft habe ich das gesehen: Leute, die sich von der Idee täuschen lassen, man müsse möglichst viele Dinge ausprobieren. Vorsicht! Das bringt nichts. Die Sünde ist keine echte Erfahrung; sie ist die „negative Kenntnis unseres Seins“. Die heilige Katharina von Siena sagt, die Sünde ist das Nichts. Durch die Sünde ist man „nichtseiend“; sie zerbricht etwas in uns, anstatt uns aufzubauen; deshalb ist sie keine echte Erfahrung.
Welche ist die vorherrschende Sünde eines jeden von uns? Das ist der Hochmut – man braucht gar nicht weiter zu suchen. Nur wenn unser Verstand überhaupt nicht entwickelt wäre, gäbe es in uns keine Fähigkeit zum Hochmut. Manche kompensiert das dann aber, indem sie zum „Kriecher“ werden – so etwas kann es geben. Aber normalerweise ist beim Menschen der Hochmut die vorherrschende Sünde, da braucht man gar nicht lange zu suchen. Jeder muss ihn aber bei sich entlarven. Wir wollen mit Christus Bilanz ziehen, um mit neuem Elan wieder aufzubrechen. Das ist das Wesentliche der Exerzitien.

Wir werden das Evangelium des heiligen Johannes betrachten, denn ich glaube, er kann uns helfen. Wir wollen die Schwerpunkte des Johannesevangeliums herausfinden, da wir in so kurzer Zeit nicht das ganze Evangelium durchgehen können. Vielleicht werden wir ja ein anderes Mal weitermachen, so Gott will. Die Exerzitien wollen ein paar große Hauptstrassen bahnen, d. h. die wichtigsten Aspekte unseres christlichen Lebens beleuchten. Jeder wird aus den Vorträgen etwas anderes mitnehmen. Wichtig ist, dass sie euch allen helfen zu beten.
Ich möchte mit herzlichem Vertrauen zu euch sprechen. Und ich wünsche mir, dass dieses Vertrauen ein gegenseitiges ist. Bitte betet für den Exerzitienleiter! Das ist sehr wichtig, damit er vom Heiligen Geist inspiriert wird. Für euch kann das nur von Vorteil sein, denn dann sage ich genau das, was ihr erwartet. Dann werden meine Worte lebendig sein und euch direkt erreichen. Wenn ihr nicht betet, bin ich mir selbst überlassen und sage vielleicht Dinge, die von meinem Verstand kommen. Sie werden hoffentlich auch nicht allzu dumm sein, aber eure Herzen nicht so tief berühren. Deshalb müsst ihr für den Exerzitienleiter beten. Das ist geheimnisvoll, aber wahr, ich habe es immer wieder erfahren. So etwas ist wunderbar und gehört zum großen Geheimnis unseres christlichen Lebens. Wir tauschen das Wort Gottes miteinander aus, wir teilen es uns mit, um besser aus dem Geheimnis Christi leben zu können.
Natürlich bete ich auch für euch. Seit ich weiß, dass ich hier Exerzitien halten soll, bete ich für euch. Macht diese Exerzitien wirklich so, als ob ihr allein vor Gott wärt, ohne euch um den Nachbarn zu kümmern. Während dieser Zeit ist es wirkliche Nächstenliebe, sich nicht um ihn zu kümmern. Ihr sollt ihn natürlich auch nicht neben euch sterben lassen, aber kümmert euch nicht zu sehr um ihn. Seid ganz und gar bei dem, was ihr zu tun habt. Lest die Hl. Schrift, lest Johannes. Vor allem aber bleibt bei Jesus und bittet den Heiligen Geist, euch das innere Schweigen zu lehren, und bittet Maria, euch zu helfen.

INHALTSVERZEICHNIS

I.        IN DIE WÜSTE ZIEHEN

Die Wüste – Stille und Anbetung
Anbetung – Emporsteigen zur Quelle
Gewissenserforschung im Licht Christi

II.        DIE KIRCHE, EINE „GUTE WEIDE“

Warum Kirche?
Die drei Speisen
Das Wort Gottes – Nahrung für unseren Glauben
Die Eucharistie – Nahrung für unsere Liebe
Der Wille des Vaters – Nahrung für unsere Hoffnung
Lebensraum Kirche

III.                DER LIEBLINGSJÜNGER, ZEUGE DES GEOPFERTEN LAMMES
Angriffe gegen die Kirche
Der Heilige Geist – Hauptautor der Bibel
Die johanneischen Schriften – Vollendung der Offenbarung

IV.                DER PROLOG DES JOHANNESEVANGELIUMS UND DIE ERSTEN ELF KAPITEL DER GENESIS

Der Anfang der Genesis – Grundlage der ganzen Hl. Schrift
Der erste Schöpfungsbericht
Warum zwei Schöpfungsberichte?
Der zweite Schöpfungsbericht
Die Frau – Meisterwerk der Schöpfung
Die Frau und die Schlange

V.        „IHR WERDET WIE GOTT …“
Gott ist Licht – Gott ist Liebe
Der Mensch als Abbild Gottes
Erste Sünde – Hochmut
Der Zorn Gottes
Zweite Sünde – Eifersucht

VI.                 DIE SÜNDE DES MENSCHEN UND DIE BARMHERZIGKEIT GOTTES
Die Sintflut
Der Neubeginn mit Noach
Der Turm von Babel – allgemeiner Hochmut
Die Genesis und der göttliche Heilsplan
Offenbarung der Heiligen Dreifaltigkeit

VII.                IM ANFANG WAR DAS WORT
Drei „Anfänge“
Das Geheimnis des WORTES
Die Schöpfung „durch das WORT“
Licht und Finsternis

VIII.                DER DREIFACHE BUND IM EWIGEN WORT
Neuschöpfung durch die Gnade
Die drei Bundesschlüsse
Der Bund des menschlichen Verstandes mit dem WORT
Der Bund mit dem Volk Israel
Der christliche Bund im fleischgewordenen WORT

IX.               UND DAS WORT IST FLEISCH GEWORDEN
Das Zeugnis Johannes’ des Täufers
Christliche Kontemplation

X.        DIE STIMME, DIE IN DER WÜSTE RUFT
Der Adler
Abraham und Johannes der Täufer – Glaube und Hoffnung
Erneuerung in Armut
Die Armut des Täufers
Johannes – die Stimme
Johannes – der Zeuge des Lammes

XI.                 DAS GEHEIMNIS DES LAMMES
Die Opferung Isaaks – Vorausbild für das Lamm
Die Prüfung des Glaubens
Die Armut und die Hoffnung des Täufers
Das Lamm
Die eschatologische Hoffnung

XII.                „SEHT, DAS LAMM GOTTES!“
Die „Karwoche“ der Kirche
Die Berufung der ersten fünf Jünger

XIII.                „FOLGE MIR NACH!“
Glaube und Verstand
Fünf Wege zum Geheimnis Jesu
Fünf Dimensionen der christlichen Berufung

XIV.                DAS GEHEIMNIS JESU: LAMM, BRÄUTIGAM UND SOHN
Ein Überblick über das Johannesevangelium

 

Dieses Buch gibt Exerzitien wieder, die für Studierende und suchende junge Menschen gehalten worden sind. Es ist eine dichte und reiche Meditation über das Johannesevangelium, das „die Vollendung der Offenbarung“ darstellt, wie der Autor sagt. Der Text ist die Frucht kontemplativen Betens und enthält außerdem viele philosophische und theologische Reflexionen. So kann er eine konkrete Antwort sein auf die zeitgenössische Suche nach Gott, nach Weisheit für unser Leben.
M.D. Philippe op, 1912-2006, ist Autor von über 35 Werken, deren Themen von Metaphysik über Thérèse von Lisieux bis Philosophie der Kunst reichen. Eine kleine Anekdote spricht für sich: Jean Guitton, ein bekannter französischer Denker des 20. Jahrhunderts, nahm gelegentlich an Exerzitien im Foyer de Charité in Châteauneuf-de-Galaure teil. Auch der Autor besuchte regelmäßig diesen Ort. Als Guitton einmal dort weilte und von M.D. Philippes Ankunft erfuhr, fragte er: „Welcher ist es? Der Autor von Das Geheimnis Mariens, oder der Autor von Einführung in die Philosophie von Aristoteles?“ Wie staunte er über die Antwort, es sei ein und dieselbe Person: „Das ist doch nicht möglich!“
Wer Philippes Denken entdeckt, muss zugeben: „Unklassifizierbar!“ In den 43 Jahren seiner Lehrtätigkeit als Philosophieprofessor – ab 1939 im ordenseigenen Studienhaus in Saulchoir d´Etiolles bei Paris, von 1945 bis 1982 an der Universität Fribourg – vertiefte er beständig seine Entdeckung der Wahrheit durch Studium, Reflexion und Dialog mit Philosophen wie Jacques Maritain oder Etienne Gilson, Künstlern wie Georges Rouault und Paul Claudel, Theologen wie M.D. Chenu und Charles Journet, um nur einige Namen zu nennen. „Jeder, der die Wahrheit sucht, ist ein Freund“ sagt er. Diese Suche nach der Wahrheit gehört auch zu den zentralen Anliegen der „Johannesgemeinschaft“, einer neuen geistlichen Gemeinschaft, die um P. Philippe entstandenen ist.
Neu anfangen bei Christus – der Titel der deutschsprachigen Übersetzung stammt aus dem Schreiben Novo Millennio Ineunte von Papst Johannes Paul II zum Abschluss des Heiligen Jahres 2000. Unter der Nr. 29 betont der Papst, dass Christus unser Programm für das dritte Jahrtausend ist: „Ihn gilt es kennen zu lernen, zu lieben und nachzuahmen, um in ihm der Geschichte eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt.“ Dies ist auch das Programm, das der Autor im vorliegenden Buch eröffnet. Der gesprochene Stil der Exerzitienvorträge wurde beibehalten. Dies verleiht dem Text eine warme, lebendige und einladende Note. Anekdoten, theologische Analysen, spirituelle Intuition, Kommentare, gesunder Menschenverstand und aufmerksame Beobachtung laden ein zu einem ganz persönlichen Kontakt mit einem großherzigen und geistreichen Denker.
Ein Schriftkommentar ist nie vollständig, so wie eine Quelle nie ausgeschöpft werden kann. P. Philippe eröffnet lediglich Wege, und dies auf zirkuläre, fortschreitend enthüllende Weise.
Neu anfangen bei Christus will Mut machen, denjenigen neu und tiefer zu entdecken, aus dessen liebendem Herzen „Ströme lebendigen Wassers“ für uns fließen (Joh 7, 38).

Der Anfang der Philosophie

Der Anfang der Philosophie

aus:

BRIEF AN EINEN FREUND

EIN PHILOSOPHISCHER WEG

Brief an einen Freund

Lieber Freund,

ich weiß, es ist riskant, auf zweihundert Seiten in großen Zügen eine komplexe philosophische Reflexion darlegen zu wollen. Zudem im 20. Jahrhundert, wo man gewöhnlich philosophiert im Dialog mit anderen Philosophen und anhand ihrer Standpunkte das eigene Denken präzisiert – dafür oder dagegen. Aber eine solche Perspektive, so interessant sie auch sein mag, möchte ich hier nicht aufzeigen. Denn der Dialog mit anderen Philosophen ist lediglich eine Vorbereitung für die eigentliche philosophische Forschung, die die Rückkehr zur unmittelbaren Erfahrung des Realen erfordert.
Für diese Rückkehr zur Erfahrung bedarf es allerdings einer beständigen Läuterung unseres Verstandes (l’intelligence), der gleichsam „umhüllt“ ist von unseren Phantasievorstellungen (l’imaginaire) und nur langsam und schwer zur Realität in ihrem Urzustand durchdringt.
Daher schien es mir gut – und Sie haben mich ja auch darum gebeten – eine Art Weg aufzuzeigen mit den Hauptetappen der philosophischen Reflexion, in der Ordnung, wie sie in der philosophischen Forschung aufeinanderfolgen (Aristoteles würde sagen: in der Ordnung ihrer Genese). Ich bin mir bewusst, dass ich mich damit mancher Kritik aussetzte, aber was tut man nicht alles für einen Freund. Wenn Sie, mein Freund, auf der Suche nach der Wahrheit dieses Buch lesen, werden Sie, aufgrund unserer Freundschaft, auch all das verstehen, was in einem so knappen Abriss unausgesprochen bleibt oder nur angedeutet wird. Man kann aber nicht behaupten, dass wir deshalb in eine affektive Subjektivität verfallen und nur einige wenige diesen geistigen Weg mitvollziehen können. Was uns verbindet und was unsere Freundschaft ausmacht, ist ja tatsächlich die Suche nach der Wahrheit. Ich schreibe dieses Buch wirklich für den, der auf der Suche nach der Wahrheit mein Freund – ein Philosophenfreund – ist und es immer mehr werden will. Deshalb ist dieser Weg durchaus philosophisch – auch wenn er ein freundschaftliches Verständnis voraussetzt -, denn er ist ganz von der Wirklichkeit bestimmt, die jeder Mensch erfahren kann.

EINLEITUNG

Die Suche nach Lebensweisheit war zu allen Zeiten eine schwierige Angelegenheit. Aufgrund seiner Komplexität und seines Reichtums läuft der Mensch immer Gefahr, sich zu verzetteln, sich von unmittelbaren Problemen ganz vereinnahmen zu lassen und das Wesentliche, die eigentliche Bedeutung seines menschlichen Lebens aus den Augen zu verlieren, zu vergessen, wozu er da ist.
In unserer Zeit ist diese Suche nach Weisheit besonders schwierig, denn das kulturelle Milieu, in dem der heutige Mensch lebt, ist nicht günstig dafür. Man hält Weisheit heute für eine unnütze Nostalgie, die keinen Sinn mehr macht und völlig überholt ist. Unser kulturelles Umfeld ist ganz auf den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ausgerichtet. Es zählt vor allem Leistung, und der Mensch und seine hohe Bestimmung werden leicht vergessen. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt eröffnen natürlich neue, ungeahnte Möglichkeiten. Der Mensch ist immer mehr und besser in der Lage, die Materie zu verändern und zu benützen und das physische und biologische Universum zu beherrschen. Aber wird dieser so erstaunliche und schnelle Fortschritt nicht für den Menschen und sein Leben oft zu einer Art Hybris, die ihn aus dem Gleichgewicht und aus der Harmonie bringt? Um diese Entwicklung „menschlich“ gestalten zu können, bräuchte der Mensch einen „Zuwachs an Seele“ (wie Bergson sagt), eine neue Kapazität zum Lieben, zum Denken und zur Kontemplation. Dann könnte dieser Fortschritt tatsächlich der menschlichen Person dienen, anstatt sie zu unterjochen und zu materialisieren, wie das leider oft zu geschehen droht. Wenn der Fortschritt nämlich zum Hauptanliegen des Menschen wird, dann verselbständigt er sich und der Mensch wird sein Sklave. Wenn er die wichtigste Rolle spielt im menschlichen Leben, führt dies dann nicht zwangsläufig zu einem gewissen Skeptizismus gegenüber der Philosophie, besonders gegenüber der „Ersten Philosophie“ (der Philosophie des Seins oder Metaphysik)? Da durch diese Entwicklung das Aussehen unserer Welt sich so schnell ändert, ist man tatsächlich versucht, auf die Behauptung Heraklits zurückzukommen: Alles verändert sich, alles ist relativ. In diesem Klima ständiger Veränderungen ist es schwierig, auch noch etwas anderes zu entdecken in der menschlichen Wirklichkeit als das Veränderliche, das Relative; es ist schwierig zu erkennen, dass der menschliche Verstand (l’intelligence) eigentlich dafür geschaffen ist, über die wissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse hinauszugehen und eine Wahrheit anderer Art zu entdecken. Mit einem Wort: Es ist schwierig zu erkennen, dass der menschliche Verstand in seinem innersten Wesen im Grunde dazu geschaffen ist, um „das-was-ist“ (ce-qui-est), die existierende Wirklichkeit in ihrer Tiefe zu erfassen; und dass er dadurch erst im Eigentlichen erkennen kann, was der Mensch ist: Einheit von Geist und Körper, gebunden an die Sinnenwelt (le monde sensible) und dennoch fähig, sie zu übersteigen aufgrund seiner ihm eigenen persönlichen Bestimmung.
Außerdem prägen die Fortschritts-Ideologien, die Hegelsche Dialektik, die materialistische Dialektik des Marxismus und die Freudsche Psychoanalyse, sehr stark die Sinnen- und die Phantasiewelt (la sensibilité et le milieu imaginatif) des modernen Menschen. So scheint die Suche nach wahrer Weisheit überflüssig, ja unmöglich, von Anfang an unzulässig. Heute ist auf allen Ebenen – ganz augenscheinlich – alles erschüttert, in Frage gestellt. Man könnte sich fragen, ob das Ende dieser Welt und die Geburt einer neuen Welt im Gange sind. Oder steht überhaupt das Ende unseres Universums bevor? Man kann es nicht wissen. Aber es scheint – und viele sind davon überzeugt -, dass die verschiedenen Veränderungen in unserer Zeit – wirtschaftliche und technische Veränderungen sowie wissenschaftlicher Fortschritt – notwendig eine Veränderung des soziologischen Lebensmilieus des Menschen nach sich ziehen müssen. Und in diesem Klima behaupten selbsternannte Propheten, dass ein neuer Menschentyp im Entstehen sei, eine neue Art zu denken und zu leben. Kurz, infolge der verschiedenen Veränderungen der menschlichen Lebensbedingungen (die immer intensiver und schneller vor sich gehen), erklärt man, der Mensch sei heute nicht mehr das gleiche Wesen wie im Mittelalter, wie zur Zeit Christi oder wie zu Aristoteles’ und Sokrates’ Zeit. Es wird gesagt, man müsse den „modernen Menschen“ in seiner „Modernität“ um seiner selbst willen verstehen. Somit betrachtet man den Menschen oft nur noch in seinen Lebensumständen (son conditionnement), in seinem Werden (son devenir), und zwar auf allen Ebenen. Aus dieser Perspektive entwickelt man eine psycho-soziologische Anthropologie und glaubt, diese sei umfassend und philosophisch. Der Mensch in seiner Eigenart wird nur unter seinen psychologischen und soziologischen Aspekten betrachtet. Im Namen einer psycho-soziologischen Anthropologie, die nur die existenzielle Situation und das Verhalten des Menschen in Betracht zieht, lehnt man so jede Philosophie des Wirklichen ab sowie die Metaphysik „dessen-was-ist“ (de ce-qui-est), betrachtet unter dem Gesichtspunkt des Seins. Man vergisst, dass man durch diese Philosophie „dessen-was-ist“ (de ce-qui-est) die verschiedenen Ebenen des Lebens im Menschen entdeckt, seine Komplexität, sein Personsein, seine substanzielle Autonomie des Seins und seine Orientierung auf ein persönliches Gut hin, seine geistige Dimension (welche man nicht erkennen kann, wenn man den Menschen nur in seinen Lebensumständen  und seinem psycho-soziologischen Verhalten betrachtet ).
Müsste man nicht unterscheiden zwischen den wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und technischen Veränderungen (ein Faktum, das in sich weder gut noch schlecht ist) und den verschiedenen Ideologien, die zwar in diesem Klima entstanden, aber doch etwas anderes sind, weil sie eine Konzeption des Menschen, seiner Person und seiner Bestimmung beinhalten.
Bringt man heute nicht oft zwei Dinge durcheinander: die evidente Tatsache der wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Veränderungen und ein Werturteil über den Menschen und seine Bestimmung, dem eine mehr oder weniger explizite philosophische Sicht zugrunde liegt? Von der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sozialen Veränderung geht man zur Veränderung des Menschen in seinem innersten Wesen über und macht ihn schließlich zu einem Roboter, zu einem Rädchen im Getriebe des wirtschaftlichen Fortschritts und der kosmischen Veränderung …
Solch eine Verwirrung ist natürlich nicht plötzlich entstanden. Ist sie nicht die Frucht der idealistischen Philosophien, der Ideologien, die sich von der Hegelschen Philosophie ableiten?
Man macht sich heutzutage mit Recht Sorgen über die Verschmutzung der Luft, des Meeres und der Erde, und man wird sich der Dringlichkeit dieses Problems bewusst (denn es steht wirklich das biologische Überleben der Menschheit auf dem Spiel). Noch viel mehr müsste man aber beunruhigt sein über die Verschmutzung des kulturellen Milieus, in dem Geist und Herz der jungen Menschen sich heranbilden. Denn wie die Umweltverschmutzung verschiedene Krebserkrankungen begünstigen kann, so kann die Verschmutzung des kulturellen Milieus allerlei falsche Ideologien favorisieren. Letzteres ist ein noch schlimmeres Übel, weil es um die Entfaltung von Verstand und Herz des Menschen geht.
Angesichts dieser Gefahr kann man weder gleichgültig noch neutral bleiben, denn Neutralität wäre bereits eine Art Zugeständnis. Ist unser Verstand nicht für die Entdeckung der Wahrheit geschaffen? Ist unser Herz nicht vor allem geschaffen, um eine menschliche Person zu lieben, sie zu lieben als Freund? Wenn man nicht mehr für die Eroberung der Wahrheit kämpfen wollte, weil man es für unmöglich erachtet, die Wahrheit zu erkennen, würde dies von argem Skeptizismus und verzweifelter Hoffnungslosigkeit zeugen; ebenso wenn man nicht mehr nach echter zwischenmenschlicher Freundesliebe streben wollte, weil man sie für unmöglich hält.
Bei drohender Gefahr rüstet sich jeder normale Mensch für den Kampf, um sich und die ihm Nahestehenden zu retten. Wir dürfen uns nicht lähmen lassen, sondern müssen mit all unseren Kräften kämpfen, um unseren Geist, unsere Fähigkeit, zu lieben und die Wahrheit zu erkennen, zu retten sowie Geist, Herz und Verstand derer, die nach uns kommen, unserer „jüngeren Geschwister“ in der Menschheitsfamilie.
Wir sind nichtsdestotrotz in einer privilegierten Situation, um die Suche nach der Wahrheit wieder aufzunehmen. Denn wir sind tief gesunken, wir sind gleichsam „im Wellental“ und können nicht mehr viel tiefer sinken! Denken wir nur an die verschiedenen Ideologien, die in den letzten hundert Jahren entstanden sind, vor allem die jüngste unter ihnen, die analytische Philosophie. Da muss man leider feststellen, dass hier die Metaphysik komplett verschwunden ist. Hier wird nicht nur die Existenz Gottes geleugnet, sondern auch der Mensch selbst in seinem Personsein, in seinem tiefsten Wesen, wird überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen. So gibt man die eigentliche Bedeutung der Philosophie völlig auf. Hat nicht die Philosophie zu allen Zeiten dem Menschen dazu gedient, seine wahre Finalität zu entdecken? In der analytischen Philosophie verschwindet der Mensch und man betrachtet seine Werke, seine Ergebnisse nicht mehr als Werke des Menschen; man betrachtet die Werke an sich, als Tatsachen, als Gegebenheiten, deren Folgen und Ursachen man erfasst.
Doch wir wollen uns die Verse Hölderlins zu eigen machen, die Heidegger gern zitierte: „In der Not wächst das Rettende auch“.  Ist nicht die Zeit des größten Verfalls auch die Zeit eines neuen Elans? Braucht es nicht für jede Auferstehung einen Leichnam? Damit aber der Leichnam auferstehen kann, bedarf es eines neuen Geistes, der ihm neues Leben schenkt. Müssen wir nicht alles tun, um diesen neuen Geist zu geben, um dem menschlichen Verstand sein wahres Leben wiederzugeben, ihn zutiefst, gleichsam in seinem ursprünglichen Elan zu erneuern?
Manche werden einwenden, dass die Rückbesinnung auf die Metaphysik eine Rückkehr in die Vergangenheit sei, Unbeweglichkeit bedeute, Isolation von der modernen Welt und Ablehnung der Evolution; denn die Metaphysik führt uns über das unmittelbar Erfassbare und Messbare hinaus … Aber wenn man versteht, was eine realistische Philosophie ist, deren Höhepunkt die Metaphysik „dessen-was-ist“ darstellt, fallen diese Einwände. Denn am Anfang einer realistischen Philosophie steht unsere Erfahrung der realen gegenwärtigen Welt, des existierenden Menschen, so wie er ist, in all seinen Dimensionen. Wahre Philosophie und wahre Metaphysik sind nicht im Bereich der Ideen und unwandelbaren Prinzipien anzusiedeln: Sie wollen die Wirklichkeit  erkennen, den existierenden Menschen in seiner Komplexität als lebendiges Wesen und in seiner Einheit des Seins und des Geistes. Die Philosophie kann sich natürlich nicht damit begnügen, die wahrnehmbare Wirklichkeit zu beschreiben oder zu messen. Ihre ureigenste Aufgabe ist es, die erfahrene Wirklichkeit  zu analysieren, sie in all ihren Dimensionen zu erfassen, vor allem den Menschen, der kein „eindimensionales Wesen“ ist. Dies möchte ich darlegen, ungeachtet der genannten Einwände, die von Ideologien herrühren, welche Idee und Realität nicht unterscheiden, welche die Wirklichkeit, den existierenden Menschen, so wie er ist, nicht erfassen können: Sie relativieren aufgrund eines A priori.

1. KAPITEL

DER AUSGANGSPUNKT DER PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNG

Die philosophische Untersuchung will in unserer Zeit neu und auf fundamentale Weise angegangen werden. Es reicht also nicht, „Flickschusterei“ zu betreiben, d. h. eine bereits existierende Philosophie zu vervollständigen, indem man bestimmte aktuelle Probleme integriert. Der Geist ist nämlich sozusagen kaputt gemacht worden. Der Primat der Negation ist so weit gegangen, dass der Verstand in seinem Fundament, in seiner Beziehung mit dem Sein tatsächlich Schaden genommen hat. Man muss in erster Linie den Ausgangspunkt jeglicher philosophischen Untersuchung wiederentdecken, jenseits dieses Bruches.
Wenn man die verschiedenen abendländischen Philosophien betrachtet, stellt man fest, dass sie nicht immer denselben Ausgangspunkt haben. Für einige Philosophen ist es die Erfahrung in folgendem Sinne: Bei Sinneswahrnehmungen ist der Verstand präsent und fällt bezüglich der wahrgenommenen Objekte (les réalités) ein Existenzurteil (un jugement d’existence) – „dies existiert“, „dies ist“. Erkennen wir hierin nicht die Position der ersten „Physiker“ und zum Teil jene von Heraklit und von all jenen, die hauptsächlich das Universum betrachten (den „Empirikern“)? Vor allem ist es die Position von Aristoteles und nach ihm von Thomas von Aquin.
Für andere ist die innere Erfahrung der Seele, der gegenwärtig erlebten Erkenntnis Ausgangspunkt. Durch diese innere Erfahrung entdeckt man seine Innerlichkeit, sein geistiges Leben. Platon hat teilweise diese Position und besonders Plotin, Augustinus und viele zeitgenössische Philosophen, die sogenannten „Existentialisten“.
Wieder für andere ist das Bewusstsein Ausgangspunkt, die Reflexion über den Akt unseres eigenen Denkens, über das cogito. Haben wir nicht hierüber am meisten Gewissheit? Können wir dies nicht am unmittelbarsten erfassen? Scheinbar sollte also die philosophische Untersuchung von hier ausgehen … Diese Position vertreten Ockham, Descartes und die zeitgenössischen Phänomenologen.
Noch einmal für andere ist die Inspiration Ausgangspunkt der philosophischen Untersuchung, die poetische Intuition, durch die man das Unsichtbare jenseits des Sichtbaren entdecken kann. Wird nicht die Frucht einer solchen poetischen Intuition in den sogenannten „angeborenen Ideen“ konkret, die im Geist sind und durch die man das Sein entdecken kann jenseits der Lebensbedingungen und des Werdens? Parmenides ist vielleicht der erste Philosoph der Intuition, der den Modus einer „Offenbarung“ wählt. Bei Platon ist es die Erinnerung an die „idealen Formen“ und bei Malebranche sind es die „angeborenen Ideen“. Bei Bergson findet man die philosophische Intuition unter einem subjektiveren Modus wieder: Es geht nicht mehr um die „idealen Formen“ oder die „angeborenen Ideen“, sondern um die „Intuition der Dauer“.
Und schließlich geht für manche die philosophische Untersuchung von der Meinung der anderen aus: Man akzeptiert, was andere über verschiedene Fragen gesagt haben, und stellt die verschiedenen Meinungen einander gegenüber, um die Aussagen zu präzisieren. Wäre dies nicht eine interessante und geschickte Art des Philosophierens (elegant und rhetorisch)? Man bedient sich der Entwürfe derer, die vor uns philosophiert haben, und versucht sie weiter-zu-führen. Leider ist dies oft die Philosophie der „Professoren“, die sich, mangels Intuition und Erfahrung, auf die Meinungen der anderen stützen …
Dies sind quasi fünf eigenständige Ausgangspunkte, die dennoch manchmal miteinander verbunden oder aber gegensätzlich sind. Sie haben nicht alle den gleichen Wert; dies ist wichtig zu verstehen.
Wenn wir also eine philosophische Untersuchung angehen wollen, müssen wir uns zuerst für einen dieser Ausgangspunkte entscheiden. Man könnte vielleicht meinen, dies sei eine Wahl a priori, weil sie eine philosophische Position voraussetzt. Und müsste die wahre Philosophie nicht frei von A priori sein? Legt der Philosoph nicht nach und nach alle A priori beiseite, um immer besser all das erfassen zu können, was ihn zur Wahrheit führt? Begrenzen uns nicht die A priori und verschließen uns, hindern uns daran, den anderen anzuhören und zu verstehen in seinem Anderssein?
Um jegliches A priori zu vermeiden, müssen wir den fundamentalsten Ausgangspunkt herausfinden, der sich unserer Erkenntnis aufdrängt und jede andere Wahlmöglichkeit ausschließt (jede Wahl schließt nämlich den Willens-Aspekt mit ein und stellt dadurch für unsere Erkenntnis ein A priori dar). Anders gesagt: Ausgangspunkt einer realistischen Philosophie, die jegliches A priori ablehnt, kann einzig jener sein, der fundamentaler ist als die anderen und daher nicht in den anderen enthalten ist. Er darf keinen von den anderen voraussetzen, aber sie auch nicht ausschließen. Es geht darum, die anderen Ausgangspunkte an ihren Platz zu verweisen, entsprechend ihrem Eigenwert. Das Besondere an der philosophischen Erkenntnis ist nämlich, dass sie am fundamentalsten und umfassendsten ist. Sie ist die höchste (ultime) Erkenntnis, man kann nicht über sie hinausgehen. Sie entspricht also den höchsten Ansprüchen unseres menschlichen Verstandes als solchem.
Wenn wir in diesem Licht die verschiedenen Ausgangspunkte der abendländischen Philosophie betrachten, so scheint folgendes ganz offensichtlich zu sein: Einzig die Erfahrung im eigentlichen Sinne, die Frucht der Allianz zwischen unserem Verstand und unseren äußeren Sinneswahrnehmungen, kommt als Ausgangspunkt der Philosophie in Frage. Zu dieser Erfahrung gehört das Existenzurteil, durch das wir anerkennen, dass ein Objekt (une réalité) existiert, dass es ist, dass es sich uns als existierende Wirklichkeit aufdrängt, die anders ist als unser Verstand, als wir selbst in unserer Existenz. Im Existenzurteil ist unser Verstand in der Lage, die Existenz eines Objekts (une réalité) anzuerkennen, das ihm eine neue Determination liefert.
Dieser Ausgangspunkt schließt die innere Erfahrung nicht aus, aber er macht uns klar, dass sie bei der Untersuchung der Wirklichkeit nicht vorrangig ist, so interessant sie auch sein mag. Die innere Erfahrung kann uns nämlich nur eine bestimmte, ganz relative Existenzweise enthüllen, die einen „intentionalen“ Modus besitzt – sei es nun die Intentionalität der intellektuellen und sinnenhaften Erkenntnis, oder der Affektivität (des Willens und der Leidenschaften), oder aber der Phantasievorstellungen. Freilich verleiht uns die innere Erfahrung das Privileg, unmittelbar erfassen zu können, was wir auf geistiger Ebene erleben: die (frei gewählte) Liebe zu einem Freund und die intellektuelle Erkenntnis. Dieser intime Kontakt mit etwas Geistigem ist etwas Einzigartiges. Das erklärt, warum die innere Erfahrung uns so leicht zu verführen vermag, sodass wir sie als privilegierte Erfahrung betrachten. Sie führt uns ja unmittelbar in den geistigen Bereich ein, wogegen die Erfahrung anhand der äußeren Sinneswahrnehmungen sich auf die Sinnenwelt bezieht und an die materiellen Gegebenheiten gebunden bleibt. Aber wenn wir die Wirklichkeit als solche erkennen wollen, kann uns einzig die Erfahrung anhand der äußeren Sinneswahrnehmungen helfen. Nur so entdecken wir durch das Existenzurteil ein existierendes, von uns verschiedenes Objekt und erfassen seine aktuelle Existenz. Durch die innere Erfahrung und ihr Existenzurteil dagegen können wir ein von uns verschiedenes Objekt nicht entdecken: Sie zeigt uns lediglich die reale Existenz unserer geistigen Akte (Erkenntnis und Liebe), die nur nach einem intentionalen Modus existieren. So interessant und aufschlussreich unsere inneren Erfahrungen auch sein mögen, sie können dennoch in einer tiefgehenden philosophischen Untersuchung nicht an erster Stelle stehen. Sie sind uns und unserer Reflexion natürlich näher, aber nicht der existierenden Wirklichkeit.
Wenn man die Erfahrung der Sinnenwelt (les réalités sensibles) als eigentlichen Ausgangspunkt nimmt, schließt dies nicht aus, dass man sich auch für das „Bewusstsein“ als solches interessiert; nur betrachtet man es nicht als Ausgangspunkt. Bei all unseren Erfahrungen (ob inneren oder äußeren) wird unser Bewusstsein wach, und man kann es um seiner selbst willen betrachten. Aber wenn man das tut, vergisst man seinen Ursprung. Das Bewusstsein kann nämlich nur existieren, wenn man die existierenden äußeren Objekte erfährt oder die uns immanente Realität, die eigenen Aktivitäten. Man ist sich dessen bewusst, was man erlebt. Dieses Bewusstsein unserer verschiedenen Aktivitäten ist zwar essentiell für unser menschliches Leben, aber es ist nicht vorrangig. Es kann also nicht Ausgangspunkt unserer philosophischen Untersuchung sein, auch wenn wir es klar und deutlich erfassen. Wenn wir das Bewusstsein als Ausgangspunkt nehmen, lassen wir genau den Inhalt unserer Erfahrungen beiseite, der uns übersteigt und entgeht. Wir sperren uns ein in dem, was uns am meisten wesensverwandt ist, was unseren menschlichen Aktivitäten am nächsten ist. Wir bleiben in der Immanenz des Erlebens und kommen da nicht mehr heraus, weil wir vergessen und beiseite gelassen haben, was dem Bewusstsein vorausgeht.
Auch die Inspiration und die Intuition werden nicht abgelehnt, aber sie werden relativiert in Bezug auf die äußeren Erfahrungen. Letztere konfrontieren uns mit „dem-was-ist“, mit dem, was anders ist als wir und sich uns aufdrängt. Die Inspiration dagegen kommt von uns und kann uns lediglich mit „möglichen“ Dingen (des réalités) konfrontieren, die nur auf „intentionelle“ Weise existieren. Dies gilt auch für die Intuition, aber auf andere Art: Die Intuition kann uns nur eine neue Form offenbaren, eine neue Relation. Sie bezieht sich nicht direkt auf „das-was-ist“. Sie kann also nicht Ausgangspunkt für eine Philosophie sein, welche die Wirklichkeit zutiefst erfassen will. Die Kunst geht vom Möglichen aus, sie „inkarniert“ etwas Mögliches, die Philosophie dagegen geht von „dem-was-ist“ aus. Man betreibt nicht die Philosophie des Möglichen, sondern die des Menschen, der ist, und all dessen, was relativ zu ihm ist.
Auch die Mathematik visiert in erster Linie das Mögliche an, die Relationen (was die Verbindung zwischen Mathematik und Kunst erklärt). Aber die Philosophie kann nicht in erster Linie das Mögliche, die Relationen betrachten. Wenn sie dies tut, so immer relativ zu „dem-was-ist“, zum existierenden Menschen als solchem.
Eine Philosophie, die sich auf die Inspiration und die Intuition stützt und diese als Ausgangspunkt wählt, kann sich verständlicherweise nicht klar von Kunst und Mathematik unterscheiden. Sie wird vom Primat des Möglichen, vom Primat der Relationen bestimmt. Charakterisiert nicht genau dies die idealistischen Philosophien? Liegt die Priorität des Idealismus nicht beim Möglichen vor dem Realen? Sieht er das existierende Konkrete nicht lediglich als Modalität des Möglichen, eine das Mögliche begrenzende Verwirklichung, kurz: eine Anwendung, eine „Position“?
Und schließlich ist klar, dass auch die Meinungen anderer Philosophen nicht als Ausgangspunkt dienen können für eine wahre philosophische Untersuchung „dessen-was-ist“. Denn diese Meinungen sind nicht das, was existiert, das was in erster Linie ist. Sie sind Frucht menschlicher Reflexion. Dennoch sind diese Meinungen nicht systematisch als unnütz abzulehnen. Ein Philosoph darf nicht gleichgültig sein gegenüber dem, was andere Philosophen und andere Menschen vor ihm über die Wirklichkeit gesagt haben, die er zu verstehen sucht. Haben diese Menschen nämlich vor ihm die Wahrheit erkannt, dann muss er dies anerkennen und kann anhand ihrer Gedanken nun seinerseits diese Wahrheit neu entdecken und bestätigen. Haben sie sich aber geirrt, so ist es interessant für ihn herauszufinden, warum sie die Wahrheit nicht erkannt haben. Er kann dadurch denselben Fehler vermeiden und Kritik üben an ihren Gedanken.
Die (oft sehr verschiedenen) Meinungen der Philosophen zu einem wichtigen Thema helfen, das Problem auf den Punkt zu bringen und die Schwierigkeiten aufzudecken. Wir können also anhand dieser Meinungen unseren Verstand schärfen und die Komplexität eines gestellten Problems besser erkennen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass für eine realistische Philosophie, die grundsätzlich jegliches A priori ablehnt, einzig die Erfahrung im eigentlichen Sinn als Ausgangspunkt dienen kann. Dazu gehört ein Existenzurteil über ein von uns verschiedenes existierendes Objekt. Die anderen Erkenntnisquellen sind jedoch nicht ausgeschlossen; sie sind relativiert.

2. KAPITEL

DAS FRAGEN UND DIE ERFAHRUNG

Die Erfahrung führt zum Staunen. Sie konfrontiert uns mit etwas (une réalité), das anders ist als wir, das in sich etwas besitzt, was unser Verstand nicht vollkommen erfasst. In diesem Sinne kann man sagen: Dieses „Etwas“, das Objekt (cette réalité), das wir entdecken, trägt etwas in sich, das uns übersteigt. Wiewohl wir also einen Teil davon erfassen, so wissen wir dennoch nicht, was es ist. Wir sind natürlich in der Lage, zu sagen, dass etwas (une réalité) z. B. ein Hund ist. Aber es ist uns auch bewusst, dass wir im Letzten nicht wissen, was er ist. So kann das Objekt, das wir wahrnehmen (la réalité expérimentée), in uns Staunen wecken und uns aufmerksam machen, damit wir die Dinge nicht nur im Vorbeigehen benutzen, sondern sie um ihrer selbst willen betrachten. Das Staunen bewahrt uns einerseits eine Sicht der wahrgenommenen Dinge vom Verstand her, und verhindert andererseits, dass der Verstand sich auf das beschränkt, was wir von einem Objekt unmittelbar wahrnehmen können. Der Verstand ahnt, „errät“ nämlich, dass die unmittelbar wahrgenommenen Gegebenheiten nicht die ganze Wirklichkeit sind, ja, dass dadurch sogar das Tiefste der Wirklichkeit verdeckt werden kann. Man könnte fast sagen, dass der Verstand, dank des Staunens, auf neue Weise erwacht. Er hat quasi die Intuition, dass „das-was-ist“, eben insofern es ist, nicht auf das reduziert werden kann, was man unmittelbar erfasst (und was in den „Kategorien“ schematisiert wird). Platon verwendet folgendes Bild: Durch das Staunen hält unser Verstand vor der erfahrenen Wirklichkeit gespannt inne wie der Jagdhund vor dem Wild, das im Dickicht verborgen ist. Deshalb führt das Staunen normalerweise zum Fragen.
Dadurch will der Verstand erfassen, was das wahrgenommene Objekt ist. Er will tiefer erkennen. Durch das Fragen entfernt sich der Verstand für einen Moment vom diesem Objekt, um es besser zu erfassen und zu verstehen. Der Verstand manifestiert so seinen Wunsch, sein Streben nach Wissen. Er ist gespannt wie ein Bogen, um seinen Pfeil abzuschießen, seinen durchdringenden Blick, der die Komplexität des wahrgenommenen Objekts entlarven will, der es analysieren will, um es besser zu erfassen. Wenn der Verstand nicht mehr fragt, kann er nicht mehr vorankommen: er stagniert. Merleau-Ponty sagte, dass der Idealist aufgehört hat zu fragen. Man könnte auch sagen, dass ein dialektischer Verstand nicht mehr fragt: Er will die Realität auf das reduzieren, was er davon erfasst, und lässt im gleichen Zug beiseite, was er nicht versteht. Dagegen strebt ein Verstand, der fragt, nach Fortschritt, nach Vertiefung … nichts hält ihn auf. Er ist hier wieder wie der Jagdhund, der das Wild, das er wittert, finden will. Das Fragen ist für den Philosophen, was die Hypothese für den Wissenschaftler ist. Ist das Fragen nicht gleichsam eine radikale, fundamentale Hypothese? Ist es nicht die Hypothese in ihrer elementarsten Form, die einfach nur das natürliche Streben des Verstandes ausdrückt, immer weiter in die existierende Wirklichkeit einzudringen, ohne die Modalität „möglich“, welche die Hypothese charakterisiert? Der Verstand bleibt in direktem Dialog mit der existierenden Realität.
Aber es gibt verschiedene fundamentale Fragemöglichkeiten. Sie weisen auf die verschiedenen Wege hin, die unser entdeckungshungriger Verstand bei seinem Forschen gehen kann. Sokrates, der große Philosoph des Fragens, und nach ihm Aristoteles haben die verschiedenen Frageformen und ihre Grundstruktur genau dargelegt. Wenn der Verstand erkannt hat, dass ein bestimmtes Objekt existiert, will er sofort wissen, was es ist. Dadurch entdeckt er die Determination des Objekts, seine wesenhafte Erkennbarkeit (l’intelligibilité propre), seine Form, seine Verschiedenartigkeit, durch die es sich von anderen Objekten unterscheidet. Anschließend fragt der Verstand, woraus das Objekt besteht. So will er die Materie entdecken, in welcher diese Form verwirklicht ist. Wenn man ein Kunstwerk vor sich hat, oder ein Werkzeug, eine Maschine, dann sind diese Fragen besonders explizit: Aus welcher Materie besteht es? Aus Holz, Stahl, Nylon? …
Weiter fragt der Verstand nach dem Ursprung – dem unmittelbaren oder entfernten: Woher stammt das Objekt, wer hat es hergestellt? Außerdem will der Verstand wissen, wozu das Objekt existiert: Ist es ein Werkzeug, das man benutzt? Oder ist es etwas Natürliches? Ist es eine Person, die man um ihrer selbst willen kennenlernen will? Schließlich kann sich der Verstand auch fragen, nach welchem Modell das Objekt gemacht wurde: Er kann seinen Prototyp suchen, um seine Form exemplarisch zu kennen.
Aber genügt das? Der Verstand kann auch noch fragen, wie das Objekt ist, wie es gemacht wurde, wie man es erhalten kann, wie es kaputt gehen kann, wie man es verändern, ergänzen, verwenden oder beherrschen kann … Die Frage „Wie“ ist zweitrangig im Vergleich zu den vorhergehenden, und man kann darauf nur richtig antworten, wenn man die Antworten auf die vorhergehenden Fragen kennt. (Wir müssen zugeben, dass wir oft sofort auf das „Wie“ antworten wollen und deshalb auf der Ebene der Konditionierung und der Phänomene bleiben).
Auch Ort und Zeit (Situation und Gelegenheit) muss man wissen in der praktischen Ordnung, sowohl beim ethischen Handeln (agere) als auch beim künstlerischen und handwerklichen Tun (facere): Wann soll man handeln? Kann man an diesem oder jenem Ort handeln? Ist die Situation angemessen? Ist die Gelegenheit günstig? Die zeitlichen und örtlichen Umstände, die man so bestimmen möchte, tragen entscheidend zum Gelingen und zur Effizienz menschlicher Aktivitäten bei. Die Fragen nach Zahl, Größe und Geschwindigkeit sind ebenso wichtig (denken wir z. B. an die Wirtschaft und die Verteidigung), denn die Zahl kann die Bedingungen einer Aktion so sehr verändern, dass sie ihre Natur zu verwandeln scheint. Vom philosophischen Standpunkt her sind diese Fragen jedoch zweitrangig (außer in der dialektischen Perspektive natürlich).
In der Philosophie sind die ersten fünf Fragen am wichtigsten, weil sie grundlegend sind und sich immer stellen, wenn man ein existierendes Objekt vor sich hat. Die Reihenfolge variiert, aber die Fragen bleiben unabdingbar immer die gleichen. Die Frage „Wie“ ist zwar auch wichtig, aber sie stellt sich an zweiter Stelle, zumindest in der Philosophie. Wenn es dagegen um Leistung und Effizienz geht, ist das „Wie“ natürlich ganz entscheidend – und vielleicht auch in der naturwissenschaftlichen Forschung. Hier berühren wir ein bedeutendes Problem, das man analysieren müsste, um zu begreifen, worin sich die Vorgehensweise des Philosophen von der des Naturwissenschaftlers unterscheidet. Steht der Philosoph nicht vor allem für die ersten fünf Fragen, für das „Warum“? Und steht nicht der Naturwissenschaftler vor allem für das „Wie“, besonders wenn seine wissenschaftlichen Erkenntnisse für technische Ziele verwendet werden?

Dieses Problem der Fragen ist für den realistischen Philosophen eminent wichtig, weil ihm die Fragen die Wege weisen, die er zu gehen hat. Fahren wir also fort mit der Analyse. Kann man sagen, dass sich die fünf großen Fragen uns geradezu aufdrängen (unabhängig von Aristoteles’ Autorität) und es daher keine anderen geben kann; und dass jeder, der Philosoph sein will, unbedingt darüber nachdenken muss?
Unser Verstand kann nur durch unsere Sinneswahrnehmungen zur Wirklichkeit (in ihrem Ureigensten) gelangen. Denn jegliches Existenzurteil resultiert aus einer Allianz zwischen unserem Verstand und unseren äußeren Sinnen. Daraus können wir folgern, dass unser Verstand auf fünf verschiedene Weisen in Kontakt treten kann mit „dem-was-ist“ (avec ce-qui-est). Und wir erkennen dadurch, dass es sozusagen fünf fundamentale Determinationen unseres Verstandes gibt, wodurch er fragen und sich so den wahrgenommenen Objekten zuwenden kann. Er wird in Letzteren mehr entdecken als nur das, was er unmittelbar erfahren kann (Übergang von „existentiell“ zu „existential“) . Diese fünf fundamentalen Determinationen geben unserem Verstand seine Richtung und ermöglichen ihm zugleich, die direkt erfahrbaren Fakten zu übersteigen. In Verbindung mit dem Sehsinn präzisiert der Verstand die Determination eines gesehenen Objektes: was es ist. In Verbindung mit dem Tastsinn findet er heraus, was in dem berührten Objekt fundamental ist: woraus es ist. In Verbindung mit dem Gehör will er den Ursprung des Objekts erfassen, das man hört: woher es kommt. In Verbindung mit dem Geruchsinn möchte der Verstand erkennen, wozu das Objekt existiert, das man riecht. Und in Verbindung mit dem Geschmacksinn strebt er danach, das Modell dessen zu entdecken, was man schmeckt.
Diese verborgenen und tiefen Verbindungen können wir natürlich nicht unmittelbar erkennen, denn wir sind weit entfernt von unseren Grunderfahrungen, die sich auf die Qualität beziehen. Unser Denken geht eher von unseren Phantasievorstellungen (nos représentations imaginatives) aus als von unseren Sinneswahrnehmungen. Letztere machen uns immer ein bisschen Angst: Täuschen sie uns nicht etwa? Das kann sicherlich vorkommen; aber das ist kein Grund, sich ihrer nicht zu bedienen. Die Angst ist meist eine schlechte Ratgeberin! Wir müssen, im Gegenteil, umso aufmerksamer für die Originalität dieser Allianzen sein: die Allianz zwischen Verstand und Sehsinn, zwischen Verstand und Tastsinn usw. Dann entdecken wir diese Richtungen, dieses Streben, das zu Fragen wird.
Diese Allianzen beziehen die Phantasie (l’imagination) durchaus mit ein. Steht sie nicht zwischen den Sinneswahrnehmungen und dem Verstand? Durch sie und in ihr vereinen sich alle Sinneseindrücke zu einem „Bild“, welches das erfahrene Objekt darstellt. Dieses Bild fügt die verschiedenen Sinneseindrücke zu einer gewissen Einheit zusammen. Erklärt dies nicht, warum sich die verschiedenen Fragen so leicht auf die eine Frage „Wie“ reduzieren? Das Bild ruft nämlich in unserem Verstand nur diese eine Frage „Wie“ hervor, die sich für die Zusammensetzung oder Entgegenstellung der verschiedenen Elemente interessiert, die das Bild zusammenfügt oder einander entgegenstellt. Wenn daher das Bild an die Stelle der verschiedenen Sinneswahrnehmungen tritt, bleibt nur noch die eine Frage „Wie“.
Wenn der Verstand aber die verschiedenen Fragen stellt, greift er auf die Wirklichkeit, auf das erfahrene Objekt zurück, um hier zu finden, was er sucht. Wir haben es mit einer besonderen Kooperation des fragenden Verstandes und der erfahrenen Wirklichkeit zu tun. Diese Kooperation führt zu einer sogenannten „Induktion“, d. h. zur Entdeckung eines Prinzips und einer Ursache. Jede der Fragen kennt eine eigene Induktion, die Entdeckung eines eigenen Prinzips. Dies ist die erste philosophische Analyse eines wahrgenommenen Objekts. Auf diese Weise erforscht der Verstand, was in jenem Objekt steckt: was es ist (seine Determination), woraus es ist (seine Materie), woher es stammt (seinen Ursprung), wofür es ist (sein Ziel). Diese Induktionen sind der Übergang vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Durch sie entdeckt der Verstand sein Gut, das ihn vervollkommnet. Die wahre Qualität des Verstandes zeigt sich mehr in der Fähigkeit zu induzieren , die Eigenprinzipien eines erfahrenen Objekts zu entdecken, als in seiner Fähigkeit zu deduzieren .
Wenn der Verstand die Prinzipien erkannt hat, dann betrachtet er das wahrgenommene Objekt in diesem neuen Licht der Eigenprinzipien und will nun herausfinden, wie diese Prinzipien in dem betreffenden Objekt verwirklicht sind. Der Verstand kann jetzt die Eigenschaften des Objekts ableiten. Durch die Ursachen kann er das erfahrene Objekt vollständig kennen. Diese vollständige Erkenntnis war für Aristoteles die philosophische Erkenntnis, die er „Wissenschaft“ nannte. (…)

Übersetzung von Marie-Luise Meyer

Die Unbefleckte Empfängnis

Die Unbefleckte Empfängnis

Vortrag von P.Marie-Dominique Philippe

Besonders müssen wir auf die drei letzten Offenbarungen der Kirche, auf die drei letzten Dogmen achten: die Unbefleckte Empfängnis, die Unfehlbarkeit des Papstes und die Auf-nahme Marias in den Himmel. Das ist für uns [verkündet]. Der Hl.Geist wollte, dass diese drei letzten Dogmen in der offiziellen, universellen Offenbarung der Hl.Schrift zwar vorhan-den, aber gleichsam verborgen da seien. Die Überlieferung hat sie weitergegeben, und die Kirche hat sie, am Ende ihres Pilgerweges, unter dem direkten Wirken des Hl.Geistes verkün-det. Es ist stets sehr wichtig für uns, das zu verstehen, weil wir darauf achten müssen,. was der Hl.Geist uns in besonderer Weise zu tragen auffordert, und P.Maximilian Kolbe sagt so-gar, dass das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis unsere ganze Theologie erneuern muss. Das stimmt für eine mystische Theologie; es stimmt nicht für die wissenschaftliche Theologie, denn das ist nur eine Folge, aber für die mystische Theologie gilt das sehr wohl. Das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis ist ein Mysterium, das man mehr und mehr betrachten muss. Für P.Kolbe war es eine ganz große Offenbarung im Hinblick auf das My-sterium der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, besonders des Hl.Geistes. Wir verstehen, was er damit sagen will; er spricht als Mystiker, d.h. nicht sehr klar, aber man muss das von innen her verstehen; die – beinahe – letzten Worte, die er geschrieben hat, beziehen sich auf die Un-befleckte Empfängnis. Es ist das gewissermaßen eine franziskanische Gnade… Die Franziska-ner sind sehr stolz darauf, immer schon für das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis ein-getreten zu sein. Denn der Hl.Thomas als wissenschaftlicher Theologe, der er ist, spricht nicht davon. Aber P.Mandonnet sagte, dass er darüber gepredigt habe – was übrigens sehr beacht-lich ist. Und da P.Mandonnet Historiker war – ein richtiger burgundischer Historiker – so glaube ich, dass er, wenn er so etwas behauptete, damit etwas sehr Tiefes ausdrücken wollte.

Die Betrachtung von P.Kolbe in Lourdes – „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“, „Ich bin“ – umfasst mit einem einzigen Blick das ewige Ich bin Gottes und das Ich bin Marias… Maria sagt nicht: „Ich bin die Mitleidende“ (was ja stimmt); sie sagt zur kleinen Bernadette, die nichts verstanden hat: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Auch wir verstehen nichts, nicht mehr als Bernadette; aber wir wissen, dass unser Glaube ein sehr großes Licht in sich birgt und dass selbst dann, wenn wir von der Aussage „Maria ist die Unbefleckte“ bzw. „Die Unbefleckte Empfängnis Marias“ nichts verstehen, darin ein sehr großes Licht enthalten ist.

Dieses starke Licht, das auf Maria fällt, soll uns ermöglichen, mystischerweise einen ganz neuen Zugang zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, zum Geheimnis Jesu, zum Geheimnis der Kirche, zum Geheimnis unserer durch die Gnade verwandelten Seele und zum Geheimnis des Ordenslebens zu finden. Das alles wird erhellt durch das Mysterium der Unbefleckten Emp-fängnis, all das wird erneuert: das ist die große Erneuerung der Kirche – aus der Sicht der Theologie der Heilsökonomie, aus der Sicht der mystischen Theologie, denn es vergegenwär-tigt uns den großen Sieg des Kreuzes. Die Weisheit des Kreuzes kann nur durch das Mysteri-um der Unbefleckten Empfängnis erfasst werden; das ist die Frucht des Kreuzes par excel-lence.

Gott wollte, der Vater wollte in seiner Weisheit, dass es ein kleines Geschöpf gibt, das unbe-fleckt ist, das vor den Folgen der Erbsünde bewahrt ist. Für Maria besteht der Sieg der Liebe, der Sieg der Liebe durch das Kreuz, darin, dass sie von den Folgen der Erbsünde nicht berührt wird. Gott bedient sich der Erbsünde, um das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis zu schaffen, durch dessen Gnadenfülle er sich gleichsam selbst übertrifft. Das ist sehr geheim-nisvoll. Sagen wir nicht: „Für Maria existiert die Erbsünde nicht.“ In einem gewissen Sinn kann man sagen, dass für Maria die Erbsünde nicht existiert. Aber wenn Maria Theologie betrieben hätte, wenn sie ein Buch geschrieben hätte, hätte sie nicht gesagt: „Für mich exi-stiert die Erbsünde nicht; mein Leben hat zur Folge, dass die Erbsünde nicht existiert.“ Das hätte sie bestimmt nicht gesagt. Denn man könnte glauben, dass die modernen Theologen, die die Erbsünde leugnen, sich auf das Licht der Unbefleckten Empfängnis berufen könnten: das stimmt aber nicht, das ist eine Versuchung. Maria hätte bestätigt, dass die Erbsünde existiert, aber dass Gott in einer Verrücktheit der Liebe, dass der Vater – denn das ist die Gnade des Vaters für sein geliebtes Kind – will, dass es ein Geschöpf gibt, das – wenn man so sagen darf – göttlich profitiert vom Sieg der Liebe über alle Folgen der Erbsünde.

Die Folgen der Erbsünde sind die Begierde des Fleisches, die Begierde des Lebens und die Begierde der Augen, das steht beim Hl.Johannes (1 Joh 2,16). Um also das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis zu verstehen – um über das Mysterium der Unbefleckten Emp-fängnis zu sprechen -, um zu erfassen, was einzigartig ist an Maria, muss man den Sieg über die drei Folgen der Erbsünde erfassen. Man muss verstehen, dass in Maria die spirituel-le/geistige Seite/Geistigkeit so stark ausgeprägt ist, dass die Sinnenhaftigkeit/ „Sensibilität“, obwohl größer als die unsere, davon völlig absorbiert wird. Maria bleibt nie beim Sinnenhaf-ten stehen, sie geht sofort darüber hinaus; es ist in ihr vorhanden, aber es ist völlig überwun-den durch eine göttliche Liebe. Das Göttliche steht über der Unterscheidung von sinnenhaft und geistig: es ist das Göttliche. Maria lebt auf der Ebene der Sinne aus dieser Gnade: dem Sieg der Liebe über alle Folgen der Erbsünde hinsichtlich der Begierde des Fleisches.

Maria lebt auch aus dem Sieg der Liebe über die Begierde der Augen (die „alte“ Eitelkeit: man will immer der Erste sein, wir wollen, dass man sich mit uns beschäftigt). Noch mehr als die kleine Therese, die der „kleine Ball des lieben Gottes“, versteckt unter einem Möbelstück, sein wollte, verbirgt die christliche Gnade Maria vor ihren eigenen Augen und vor denen der anderen. Der Sieg der Liebe über die Eitelkeit bewirkt, dass man gern verborgen ist, um ganz für Gott da zu sein, weil alles, was uns in den Augen der Menschen Geltung verschafft, uns dem Blick Gottes entzieht. Man will also, dass alles Gott, seinem Blick, vorbehalten bleibt; und man will beständig angesichts und in Gegenwart dieses Blickes Gottes leben.

Der Sieg der Liebe über den Stolz ist etwas noch viel Größeres. Der Stolz, das ist diese Über-hebung/ Selbstüberschätzung des Verstandes, der den Primat der Liebe nicht anerkennen will. Der Stolz, das ist unser Verstand, der immer alles wissen, alles erklären will, und der nichts gelten lässt außer dem, was er versteht. Der Stolz, das bedeutet: man will immer alles verste-hen, und man akzeptiert etwas nur, wenn man es verstanden hat, und man will wirklich, dass alles so sein soll, wie man es verstanden hat, weil man sich für den Intelligentesten, für den Ersten hält. Das ist die übertriebene Hochschätzung des Ersten in der Ordnung des Verstan-des. Es gibt also einen Sieg der Liebe in der Ordnung des Verstandes, damit der Verstand völlig im Dienst der Liebe steht. Der Verstand Marias ist ein Verstand mit einzigartigem Durchblick/von einzigartiger Hellsichtigkeit: Maria ist wesentlich intelligenter als wir, weil uns die Sünde schwerfällig gemacht hat, weil sie unseren Verstand vergröbert hat, sie hat ihn zurückfallen lassen in ein bloßes Argumentieren/Räsonieren. Man will also über alles mitre-den, hat aber enorme Schwierigkeiten alles von innen her zu verstehen (intus legere). Maria versteht alles von innen her, ausgehend von der Liebe, und ihr Verstand ist von einzigartiger Schärfe/Klarheit…

Diese drei großen Siege der Liebe, die die Unbefleckte Empfängnis Maria schenkt, bedeuten viel mehr als eine Rückkehr ins irdische Paradies; die Rückkehr ins irdische Paradies – wie Duns Scotus es sagt – das ist nicht zutreffend. Maria kehrt nicht ins irdische Paradies zurück. Die Gnade Marias ist eine christliche Gnade; das ist der Sieg der Liebe, der Sieg des Kreuzes. Deshalb ist Maria übrigens auch fähig, mehr zu leiden als jede andere Frau, als jedes andere Geschöpf; das Geschöpf, das am meisten gelitten hat, ist Maria. Das leidensfähigste Geschöpf ist Maria; denn die Gnade ihrer Unbefleckten Empfängnis verleiht ihr eine neue Leidensfä-higkeit (das ganze Mysterium des Mitleidens), des Leidens in Demut, d.h. ohne zu verstehen: es ist die Liebe , die siegt und die alles umfaßt. Sie akzeptiert, die allerkleinste zu sein, sich selber und den anderen ganz verborgen. Keinerlei Anspruch auf irgendwelche Rechte…

Wir haben alle unsere kleinen Privilegien (jeder von uns, in seiner Individualität, hat ein klei-nes Privileg: man ist an diesem bestimmten Tag geboren, man hat diese oder jene Erziehung genossen…) und wir verteidigen sie, und wenn jemand sie nicht beachtet, sind wir verletzt. Wir haben enorme Schwierigkeiten, die Verborgenheit zu akzeptieren. Die christliche Gnade nun, sie verbirgt uns. Und Maria verbirgt sich, um unter dem Schatten des Hl.Geistes zu sein: der Hl.Geist wirft seinen Schatten auf sie, damit immer er den ersten Platz einnimmt; und so verschwindet also die alte Eitelkeit, damit Maria ganz auf das Lamm, ganz auf Jesus bezo-gen/ausgerichtet ist. Und ihre Sensibilität ist ganz auf die spirituelle, göttliche Liebe hinge-ordnet, obwohl sie größer ist als unsere. Man ist niemals zu sensibel. Wenn jemand mir sagt: „Ich bin zu sensibel“, antworte ich ihm: „Nein! Maria ist sensibler als Sie.“ Und es stimmt; man ist nie zu sensibel; aber man geht falsch um mit seiner Sensibilität – das ist ein Unter-schied. Man liefert sich ihr aus, man verharrt darin, dabei sollte man dauernd darüber hinaus-streben. Man darf nie auf der Ebene der Sinne/Sinnlichkeit stehen bleiben, man muß darüber hinausgelangen; man muß sich ihrer bedienen, um göttlich, spirituell zu lieben. Man ist nie zu leidenschaftlich, aber man geht falsch um mit seinen Leidenschaften. Es ist wunderbar, das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis als diesen großen Sieg des Kreuzes über alle Folgen der Sünde zu sehen – denn das Geheimnis des Kreuzes will uns zu allererst von den Folgen der Erbsünde befreien, auch von allen anderen Fehlern, aber vor allem von der Erbsünde. Das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis muss also als dieser große Sieg der Liebe über alle Folgen der Erbsünde, die uns so sehr aus dem Gleichgewicht bringen, verstanden werden.

Sagen wir nicht, Maria ist das Wesen von äußester Harmonie; nein, sie ist diejenige, die am meisten liebt. Alles in ihr ist darauf gerichtet, dass sie mehr liebt und dass sie so d i e  Frau, die zuletzt Geschaffene, das kleinste unter allen Geschöpfen, das ärmste, das zarte-ste/zerbrechlichste von allen Geschöpfen, das verletzlichste unter allen Geschöpfen ist, dass sie diejenige ist, die am meisten lieben und leiden kann, die ganz und gar Jesus zugewandt sein kann.

Man stößt hier aus etwas sehr Geheimnisvolles im Mysterium der Unbefleckten Empfängnis: Gott Vater wollte in seiner Weisheit, dass die geheiligte Menschennatur Jesu in einem kleinen Geschöpf eine Ergänzung finde. Das ist die Verrücktheit der Liebe Gottes, die Verrücktheit der Liebe des Vaters zu Maria. Die geheiligte Menschennatur Jesu ist vollkommen – „der Mensch an sich“. Plato hätte nie verstanden, dass die Frau eine Ergänzung des „Menschen an sich“ sein könnte! Nun will aber Gott Vater in seiner Weisheit, dass Jesus, der der Gott-mensch ist, der die vergöttlichte Menschheit in der Person des ewigen Wortes ist, in Maria dank des Mysteriums der Unbefleckten Empfängnis eine Ergänzung findet. Die Unbefleckte Empfängnis ist dazu bestimmt, – verstehen Sie das recht, unserer Sprache fällt es oft schwer, die Dinge Gottes auszudrücken – eine „Bresche zu schlagen“ in das Geheimnis der geheilig-ten Menschennatur Christi, um sie in einem kleinen Geschöpf – der Frau – ihre Ergänzung finden zu lassen.

Die Genesis offenbart uns die erste von Gott gewollte Ergänzung: die Frau, die von Gott für den Mann geschaffen wird, um seine socia, seine Gefährtin, zu sein, um ihn zu ergänzen, um seine Vollendung zu sein/ihn zu vervollkommnen. Die Frau stammt aus der Seite des Mannes, aus seinem Herzen; aber die Erbsünde legt den Stolz in das Herz Evas sowie in das Herz Adams und bringt es mit sich, dass diese Ergänzung aufgrund der Folgen der Erbsünde zer-bricht. Die Folgen der Sünde zeigen es klar: die Frau wird ein übertriebenes Verlangen nach dem Mann haben und wird keine Ergänzung mehr darstellen; und der Mann wird eine über-triebene Autorität ausüben, eine tyrannische Herrschaft über die Frau. Das Ungleichgewicht, Folge der Sünde, wird in erster Linie das Paar betreffen, den Mann und die Frau, die brüderli-che Liebe, die den Mann und die Frau zu einer vollkommen harmonischen Beziehung führen sollte.

Diese Folgen der Sünde werden vollständig überwunden werden durch den Sieg der göttli-chen Liebe, durch das Geheimnis des Kreuzes, wo Gott eine neues göttliches „Gleichgewicht“ zwischen dem neuen Adam und der neuen Eva herstellt. Jesus am Kreuz ist der Mensch/Mann par excellence, der Mann voller Schmerzen (Jes 53,3), der Mensch voll Liebe, der Mensch, der aus Liebe zum Opfer wird und göttliche Größe hat. Am Kreuz offenbart Jesus, dass Gott Liebe ist; am Kreuz schreit der geliebte Sohn des Vaters seine Liebe zum Vater hinaus, und er zeigt, dass er ganz und gar dem Vater zugewandt ist; er ist derjenige, der für den Vater, einzig und allein für den Vater, lebt als geliebter Sohn. Und um allein für den Vater zu leben, akzep-tiert er es, Opfer aus Liebe in einer radikalen, völligen Armut zu sein; und beim Kreuz wird Maria, das kleine Geschöpf, zu seiner Ergänzung, zur Braut Jesu, um die Opferhingabe Chri-sti zu vollenden, um die Vollendung seines Priestertums, die Vollendung des Mannes voller Schmerzen, die Vollendung des Mannes/Menschen, der die Liebe offenbart/bezeugt, zu sein.

Letztendlich, wenn man genau hinsieht, mit einem Blick göttlicher Weisheit: warum die Un-befleckte Empfängnis? Damit ein kleines Geschöpf zur Ergänzung des Mannes werde, der der geliebte Sohn des Vaters ist, der der vollkommene Mensch ist in seinem Schmerz, in seiner Zerbrechlichkeit, in seiner Armut; der vollkommen ist, weil er nichts als Liebe ist. Das durch-bohrte Herz Jesu, ein vor Liebe glühender Feuerherd/-ofen, ist der Ort der Liebe, der göttli-chen und der menschlichen – das ist eine einzige Liebe. Und es sollte geschehen, dass Maria die Ergänzung dieser Liebe ist, dass Gott gleichsam zum Bettler um diese Ergänzung der Lie-be im und durch das Herz Marias wird. Und deshalb mußte es sein, dass das Herz Marias die-ses durchbohrte, dieses unbefleckte Herz ist – unbefleckt in seiner Verwundung, unbefleckt in seiner Fähigkeit zu lieben und in seiner Fähigkeit zu leiden, um die Ergänzung der Opferhin-gabe Jesu zu sein.

Gott in seiner Güte wollte das, es ist das Werk des Vaters, und hier verstehen wir, was der Vater ist, und nur hier verstehen wir es in letztgültigem Sinn. Hier entdecken wir die Vater-schaft Gottes gegenüber Maria, sie ist die kleine, geliebte Tochter des Vaters, um zur Ergän-zung, zur Vollendung des ganzen Mysteriums des geliebten Sohnes zu werden. Hier sehen wir die eifersüchtige Liebe des Vaters zu seinem kleinen Kind. Er hat von seinem geliebten Sohn verlangt, am Kreuz durch seine Herzwunde, durch seinen Durstschrei zum Bettler um die Liebe Marias zu werden (er als geliebter Sohn!); zum Bettler zu werden um das Herz der Frau, der unbefleckten Frau, der Frau, die die Fülle der Liebe empfangen hat, eine Liebe, die nicht aufgehört hat zu wachsen, damit in Maria das ganz reine, unbefleckte Geschöpf wirklich zur Ergänzung des geliebten Sohnes, der geheiligten, vom ewigen Wort angenommenen Men-schennatur Christi, werden kann.

Man könnte glauben, dass dadurch, dass sie vom ewigen Wort angenommen worden ist, die geheiligte Menschennatur Christi absolut vollkommen ist und daher keinerlei Ergänzung braucht. Wenn wir als Philosophen sprächen, würden wir das sagen. Wir würden auf Platos „Menschen an sich“ zurückkommen und sagen, dass der Mann der Schmerzen, der Mensch voll Liebe, der Mensch, der gerade aufgrund des Mysteriums der Inkarnation eine solche Fülle, eine solche Vollkommenheit in sich trägt, keine socia – wie Albert der Große sagt – braucht, dass er niemand braucht als Braut seines Herzens, auch niemand, der alles vollendet. Es ist unendlich geheimnisvoll dieses Geheimnis des Mitleidens.

Versuchen wir, den Zusammenhang zwischen der Unbefleckten Empfängnis und dem Mitlei-den aus theologischer Sicht zu erklären, denn wir finden da etwas sehr Großes.

Maria, das kleinste aller Geschöpfe, ist sich am meisten ihrer Kleinheit und ihrer Schwachheit bewusst. Kein anderes Geschöpf war sich einer solchen Schwachheit, einer solchen Kleinheit bewusst: das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis bewirkt das… Und das ist so, damit sie mehr liebt, damit sie abhängiger ist; denn indem sie abhängig ist, kann sie vollenden, was der geheiligten Menschennatur Christi fehlt, was an seinen Leiden fehlt [vgl. Kol 1,24], ergänzen. Man berührt hier etwas, worüber nur die mystische Theologie sprechen kann. Auf der Ebene der wissenschaftlichen Theologie betrachtet man die Existenz Christi, und man kann der Exi-stenz Christi nichts hinzufügen, denn seine Existenz ist die des ewigen Wortes. Im Geheimnis der Inkarnation wird die geheiligte Menschennatur Christi vom ewigen Wort angenommen und subsistiert im Wort, und existiert also im ewigen Wort Gottes. Aber im Bereich der Lie-be, im Bereich des Lebens, da gibt es eine Möglichkeit: da ist diese „Bresche“, von der ich gerade gesprochen habe, die „Bresche“ im Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Man versteht dann, was P.Maximilian Kolbe gesagt hat, das Mysterium der Unbefleckten Emp-fängnis ist wie eine „Bresche“ in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, weil Maria in ihrem unbe-fleckten Herzen ergänzen, vollenden kann, was an den Leiden Jesu fehlt, was zu diesem Sieg der Liebe fehlt. Sie vollendet alles, und der Vater will das so, ER will seine Liebe zu seinem kleinen Geschöpf zeigen, zu seinem ganz kleinen Geschöpf; er will sie teilhaben lassen an dem ureigensten Werk Christi, und er will sie so daran teilhaben lassen, dass sie gleichsam die Frau ist, die Braut des Herzens Jesu, des durchbohrten Herzens Jesu, beteiligt in der Wei-se, dass sie „eins“ ist mit dem durchbohrten Herzen Jesu in seiner Ganzhingabe am Kreuz, „eins“ mit ihm im Ergänzen, im Vollenden.

Alles erfüllt sich, alles vollendet sich im Herzen Marias. Und durch Maria gilt das für die Kirche, für uns in ihr [der Kirche]. Darin besteht, wenn man den Gedanken zu Ende denkt, das ganz große Geheimnis des Ordenslebens. Was Maria in diesem Geheimnis als die Unbe-fleckte gelebt hat, das ist auch der Inhalt des Ordenslebens. Wir sind nicht unbefleckt, das ist ganz offensichtlich; aber durch das Ordensleben können wir teilhaben an dem Mysterium der Unbefleckten und vollenden, ergänzen, was an den Leiden Christi fehlt, d.h. voll und ganz das Geheimnis des Mitleidens Marias leben. Das müssen wir versuchen zu begreifen und zu le-ben, im Glauben, aber in dieser uns völlig umsonst geschenkten Barmherzigkeit des Vaters. Denn es ist wirklich reines Geschenk; wir verdanken es nicht unseren Verdiensten, unserer Intelligenz oder unseren Tugenden: es ist reines Geschenk. Deshalb fällt es uns auch so schwer, es zu verstehen; sobald ihr „vernünftig“ überlegt, werdet ihr sagen: „Nein, das ist unmöglich.“ Und deshalb versteht man, sobald man „vernünftig“ überlegt, nicht meht, was das Ordensleben ist. Es ist eben reines Geschenk wie die Unbefleckte Empfängnis… Es steht in derselben Ordnung. Es ist ein Geschenk jenseits von allem, was in den Bereich der verstan-desmäßigen Erkenntnis fällt: es ist dieser Vorrang /dieses Mehr der Liebe, der uns zutiefst in das Geheimnis Jesu selbst eintreten lassen will, und durch ihn in die Allerheiligste Dreifaltig-keit. Das Geheimnis der Inkarnation ist an sich schon eine göttliche „Bresche“. Und das Ge-heimnis der Inkarnation ist ausgerichtet auf das Geheimnis des Kreuzes, und im Geheimnis des Kreuzes gibt es wiederum eine Bresche dank des Mysteriums der Unbefleckten Empfäng-nis, diese göttliche „Bresche“ der Frau, die beteiligt ist am Geheimnis des Kreuzes und die in ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe das Geheimnis des Mitleidens lebt.

Wir müssen heute, am Fest der Unbefleckten Empfängnis, den Hl.Geist inständig bitten, uns die Größe dieses göttlichen Rufes/Einladung, der an uns ergeht, verstehen zu lassen. Uns ver-stehen zu lassen, dass wir geweiht sind zuinnerst in unserer Seele und durch unseren gesamten Leib. Das Ordensleben umfasst unseren gesamten Leib; die Größe des Ordenslebens, das ist: Zeugnis zu geben in Zeit und Raum durch unseren Leib, aufgrund unseres Leibes, um auf unsere Weise dieses Mysterium der Unbefleckten Empfängnis zu leben. Das Ordensleben verlangt von uns zu vollenden und zu ergänzen, was an den Leiden Christi fehlt, für die Kir-che von heute, für die Welt von heute, und in diesem Geheimnis der Liebe so weit wie mög-lich zu gehen, und durch das Herz Christi, durch das Herz Marias diese Verrücktheit des Va-ters aus Liebe zu uns zu erkennen. Man entdeckt den Vater in seiner Trunkenheit der Liebe: es ist verrückt, arme, kleine Geschöpfe zu bitten, das zu ergänzen, was am ureigensten Werk des geliebten Sohnes fehlt. Das ureigenste Werk des geliebten Sohnes ist vollkommen, eben weil es das Werk des geliebten Sohnes ist. Operatio sequitur esse; nun ist das esse des ge-liebten Sohnes das esse des ewigen Wortes und sein eigentliches/ureigenstes Werk, seine ope-ratio, ist das Kreuz. Da nun sein esse vollkommen ist, müsste auch sein Werk vollkommen sein. Aber dann räumt er in seiner operatio, also dem Werk des Kreuzes, Maria den Platz ein – und der Vater will das so, wie das Gebet in der Todesangst beweist. Und indem er Maria den Platz einräumt, räumt er ihn der Kirche ein, den Gliedern des mystischen Leibes, die da-nach dürsten können, ihm bis dahin zu folgen: zu vollenden, zu ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt.

Bitten wir darum, das heute in seiner ganze Fülle zu leben. Wir müssen Maria darum bitten. Es ist ihr Geheimnis, es ist das Geheimnis, das sie dem hl.Johannes mitgeteilt hat, denn sie war ihm in ihrem Mitleiden anvertraut worden. Es ist uns also ihr Mitleiden geschenkt, und es ist uns daher diese im Werk des Kreuzes vollzogene Ergänzung geschenkt, damit auch wir ebendieses Mysterium leben können.
Saint-Jodard, 8. Dezember 1990

Übersetzung von Ursula Fuchs