Die Anfänge —

Chronik der Johannesgemeinschaft

Beginn

Die Anfänge

Im Sommer 1975 wollten einige französische Studenten der Universität Freiburg (Schweiz) in einer religiösen Gemeinschaft zusammenleben und baten den Dominikanerpater und Universitätsprofessor Marie-Dominique Philippe (1912–2006) um spirituelle Begleitung.

Dieser holte sich Rat bei der französischen Mystikerin Marthe Robin, die ihn ermutigte, die Bitte dieser Studenten nicht abzulehnen. Als Gründungstag gilt der 8. Dezember 1975, als sechs Studenten gemeinsam mit Marie-Dominique Philippe auf der Insel Lérins bei Cannes die Weihe an Maria ablegten.

P. Philippe wollte anfangs diese Gemeinschaft einem anderen Orden angliedern. Die Zisterzienserabtei Lérins war bereit, die Gruppe als Oblaten aufzunehmen. Am 28. April 1978 wurde diese Angliederung genehmigt. Die neue Gemeinschaft gab sich den Namen „Congrégation Saint Jean“ nach dem Apostel Johannes.

P. Philippe leitete die Neugründung, trat ihr selber aber nicht bei, sondern blieb bis 1982 Universitätsprofessor in Freiburg. Danach übersiedelte die Gemeinschaft, die inzwischen auf etwa 80 Brüder angewachsen war, nach Rimont bei Chalon-sur-Saône in Frankreich und gründete 1983 ein Noviziat in Saint Jodard bei Roanne (Département Loire). 1986 wurde sie als Kongregation diözesanen Rechts anerkannt und dem Bischof von Autun unterstellt.

Am 8. Dezember 1982 wurde eine Schwesterngemeinschaft gegründet, die im September 1983 ihre endgültigen rein kontemplativen Regeln erhielt. Sie wurde am 25. Januar 1987 kirchlich anerkannt und erhielt 1994 den Status einer Kongregation diözesanen Rechts.

Da einige Schwestern ein apostolisches Leben führen wollten, wurde am 8. September 1984 in Rimont der apostolische Zweig des Schwesternordens gegründet, der am 7. Oktober 1993 den Status einer Kongregation diözesanen Rechts erhielt.

Die Brüder und Schwestern beider Zweige tragen ein graues Habit mit ebensolchem Skapulier. Die apostolischen Schwestern tragen zudem einen grauen, die kontemplativen einen weißen Schleier.

Chronik der Anfänge einer neuen Ordensfamilie (1975-2005)

 

Der Anfang

Im Herbst 1975 trifft Philippe Mossu, ein junger Diözesanpriester aus der Diözese Versailles, in Freiburg (Schweiz) ein. Er hatte sich von seinem Ortsbischof die Erlaubnis geholt, seine Heimatdiözese zu verlassen, um nach Freiburg zu gehen und dort ein Doktorat für Theologie über das Priestertum Christi zu schreiben, unter der Leitung von P. Jean-Hervé Nicolas op, dem Ordinarius für Dogmatik.

Daneben kümmert er sich um ein paar Studenten, die bei P. Marie-Dominique Philippe Philosophie studieren.

Bald nach seiner Ankunft begibt sich P. Mossu auf die Suche nach einem Ort, wo die Studenten ein gemeinsames Leben führen könnten. Er findet ein großes Haus, „le Père Girard, wo die ersten fünf Studenten mit ihm zusammen wohnen. Eine Ordensschwester, Sr. Maria Magdalena vom Freiburger Orden der Heimsuchung, macht sie sich zur Aufgabe, den Brüdern in ihren materiellen Anliegen zu dienen. Sie ist für die Küche eines Altersheims zuständig, und kocht zugleich für die jungen Studenten wie eine Mutter.

Als offizielle Startstunde der Kongregation vom hl. Johannes gilt der 8. Dezember 1975, wo anlässlich eines Exerzitienkurses in der Zisterzienserabtei von Lérins (einer Insel im Mittelmeer in der Nähe von Cannes) die ersten sechs Brüder mit P. Marie-Dominique Philippe ihre Zukunft in die Hände der Mutter Gottes legen.

Anfang 1976 zählt die junge Gemeinschaft 11 Mitglieder. Am 15. Juli 1977 werden in der Abtei Lérins die ersten beiden Brüder von P. Marie Dominique Philippe mit dem neuen Habit der Brüder der Johannesgemeinschaft eingekleidet: Br. Philippe-Marie (Philippe Mossu) und Br. Marie-Alain (Alain d’Avout). In April 1981 sind es 62 Mitglieder der Kongregation, die in Freiburg studieren.

Bald stellt sich die Frage der Eingliederung dieser Gruppe von jungen Menschen in die Kirche, sowohl Männer als auch Frauen. Mgr. Pierre Mamie, damals Auxiliarbischof von Freiburg, rät P. Philippe, alle jungen Männer in das Priesterseminar von Freiburg zu schicken. Da die Gruppe schon als solche gewachsen ist, suchen sie nach anderen Möglichkeiten, um die begonnene Einheit zu stärken. Verschiedene Versuche der Eingliederung bei den Dominikanern und den Regularkanonikern vom Großen St. Bernhard bleiben erfolglos. Durch die Verbindung von P. Marie-Dominique Philippe mit der Abtei von Lérins, wo er mehrere Male im Jahr Philosophie unterrichtet, wird ein kanonischer Anschluss dort möglich. Bis 1987 leben die Brüder kanonisch als Regularoblaten der Zisterzienserabtei von Lérins.

 

In Freiburg in der Schweiz

Ihre philosophische Ausbildung bekommen sie durch P. Marie-Dominique Philippe an der Universität Freiburg. Sie leben in verschiedenen Häusern in Freiburg ein gemeinsames Leben des Gebetes, des Studiums, des gegenseitigen Dienstes und der Nächstenliebe. Zunächst beziehen sie zwei Häuser, ein Haus für Studenten, le Père Girard, und dann ein Haus, das den Patres von La Salette gehört. Die zwei Häuser wurden jeweils von Bruder Marie-Alain und von Bruder Philippe-Marie geleitet. Sie bezeichnen sich gegenseitig, nach dem in Frankreich wohlbekannten Gallier Asterix, als Gallier und Römer. Die Gallier wurden von Br. Marie-Alain mit Lebensfreude und Wucht geleitet, die Römer von Br. Philippe-Marie mit Strenge und Milde. Jeder Bruder, der in die Gemeinschaft eingegliedert ist, verbringt vier Monate in der Abtei von Lérins unter der Leitung von P. Joseph, dem dortigen Novizenmeister, um das monastische Leben kennen zu lernen. Im Sommer verbringen sie eine Zeit bei einem Eremitenpater, P. Emmanuel de Floris, einem ehemaligen Benediktiner von der Abtei En-Calcat (Dourgne, Südfrankreich), der sich im Tal von Montmorin (Alpes de Haute-Provence) seit 1968 niedergelassen hatte.

Schon am 5. Juli 1981 gründet die keimende Kongregation ein erstes apostolisches Priorat in Cotignac (Var, Südfrankreich), einem Wallfahrtsort, wo Maria (1519) und der heilige Joseph (1660) erschienen sind. Der dortige Bischof, Mgr. Gilles Barthe, überträgt ihnen die Leitung des Wallfahrtsortes, den die Oblaten der makellosen Jungfrau Maria verlassen.

Zwei Umstände bewegen die junge Kongregation, sich Gedanken über ihre nahe Zukunft zu machen: Erstens steht P. Marie-Dominique Philippe kurz vor seiner Emeritierung, die im Sommer 1982 ansteht; und zweitens sind die Brüder so zahlreich geworden, dass die vier Häuser in Freiburg unzureichend geworden sind für eine Kongregation, die ein gemeinschaftliches Leben führen möchte…

P. Philippe-Marie macht sich auf den Weg nach Frankreich, der Heimat P. Philippes, wohin dieser nach seiner Emeritierung zurückkehren möchte, um ein Haus zu suchen, das über 80 junge Menschen in absehbarer Zukunft aufnehmen könnte.

 

Rimont

Der Ortsbischof von Autun, Chalon und Mâcon, Mgr. Armand Le Bourgeois (1911-2005) stellt den Brüdern ein ehemaliges Knabenseminar in Rimont (Burgund) zu Verfügung, das seit der Auflösung der Knabenseminare in Frankreich Anfang der siebziger Jahre leer stand. Ab Im Sommer 1981 arbeiten die Brüder tatkräftig an der Renovierung des verwüsteten Hauses. Im Herbst desselben Jahres sind zum letzen Mal die Brüder in Freiburg versammelt. Anfang Sommer 1982, als der Hauptteil der Kongregation nach der Emeritierung von P. Philippe Freiburg endgültig verlässt, gehören 80 Brüder der Kongregation an.

Im Herbst 1982 ist die Situation nicht einfach: P. Philippe-Marie ist nämlich schon nach Rimont mit einem großen Teil der Brüder umgesiedelt. P. Philippe, der seit dem Sommer 1982 emeritiert ist, unterrichtet aber weiter in Freiburg als Gastprofessor, da sein Nachfolger noch nicht ernannt ist. Jene Brüder, die ihre kanonische Lizenz fertig schreiben sollen, sind mit ihm in Freiburg geblieben.

Am 19. Oktober 1982 findet ein Eröffnungsgottesdienst in Rimont statt, mit dem das erste akademische Jahr des Ordensinstitutes „Ecole Saint Jean“ (Johannesschule) beginnt. 40 junge Menschen sind noch dazu gekommen. Am 8. Dezember desselben Jahres entscheidet sich eine erste Gruppe von jungen Frauen in Rimont, ein gemeinsames kontemplatives Leben zu führen: es werden die kontemplativen Schwestern sein. Im selben Jahr sind 5 Brüder als Zivildiener in Afrika tätig: drei in Baturi (Kamerun) und zwei in Dakar (Senegal). Sie wissen noch nicht, dass sie die Grundsteine der zukünftigen afrikanischen Niederlassungen sein werden.

Am 22. August 1983 wird die „Ecole Saint Jean“ vom französischen Bildungsministerium als Hochschule anerkannt.

 

Saint Jodard

Bereits im Juni 1983 bittet der Erzbischof von Corpus Christi (USA), Mgr. Gracida, um eine Niederlassung in seiner Diözese. Am 17. Juli 1986 werden vier Brüder auf seine Bitte eingehen. Am 18. Oktober 1983 eröffnet die Kongregation vom hl. Johannes mit Genehmigung von Erzbischof Albert Decourtray (1923-1994) ein zweites Bildungshaus in Saint Jodard an der Loire, ursprünglich für das theologische Studium gedacht. Es wird zum Noviziat der Brüder. Die kontemplativen Schwestern sind den Brüdern von Rimont nach Saint Jodard gefolgt. In Rimont bleibt eine Gruppe von jungen Frauen, die bei P. Philippe Philosophie und Theologie studieren und ein apostolisches Leben in der Nachfolge des hl. Johannes führen möchten. Sie bilden bereits den Kern der zukünftigen apostolischen Schwestern, die am 11. Februar 1987 von Mgr. Le Bourgois als pia unio errichtet werden.

 

Die ersten Missionen

Zur gleichen Zeit (Herbst 1983) wird der erste Bruder als Missionar nach Taiwan gesandt: fr. Jean-François-Marie, der dort das erste Foyer de Charité von Taiwan gründen wird und es bis heute leitet. Mit seiner Ankunft auf taiwanesischem Boden ist die Kongregation bereits auf vier Kontinenten vertreten.

Am 22. Jänner 1984 wird der erste Priester nach Dakar (Senegal) gesandt. Im Herbst des nächsten Jahres wird sich die Niederlassung in eine andere Kleinstadt, Poponguine, verlagern, wo die Brüder das Marienheiligtum übernehmen. Im Juli 1984 zählt die Kongregation der Brüder bereits 150 Mitglieder, im darauf folgenden Sommer 163 Brüder, 11 kontemplative Schwestern und 26 apostolische Schwestern.

Am 2. September 1985 fahren die ersten sieben Brüder in die Reformationsstadt Genf, um dort eine große Pfarre im Zentrum der Stadt zu übernehmen. Die Grenzen der Kongregation weiten sich auf Europa aus.

Am 16. Juli 1986 wird die Kongregation vom hl. Johannes von Mgr. Armand Le Bourgois als Institut des geweihten Lebens diözesanen Rechts errichtet. Im Herbst 1986 studieren fünf Brüder in Rom, sowohl Theologie am dominikanischen Institut Angelicum als auch Bibelwissenschaft am biblischen Institut. Am 27. Jänner 1987 werden die kontemplativen Schwestern vom Erzbischof Albert Decourtray als pia unio anerkannt.

Am 30. Oktober 1987 stirbt der erste Mitbruder der Kongregation, Br. Stefan. In seiner bewegenden Predigt zeigt P. Philippe auf, wie der erste Bruder der ganzen Kongregation vom hl. Johannes den Weg zum Himmel zeigt, den er als erster beschritten hat.

Im Jahr 1988 beträgt die Kongregation 100 Brüder, die bereits die ewigen Gelübde abgelegt haben. Die Kongregation hat die große Freude, am 19. Juni 1988 die Seligsprechung von P. Jean-Louis Bonnard mitzuerleben. Er war von 1840 bis 1844 Schüler des Knabenseminars von Saint Jodard, ging später nach Tonkin und starb dort 1852 als Märtyrer des Glaubens. Im Laufe des Oktober 1988 erklären sich sechs Brüder bereit, ihren Mitbrüdern von Lérins, die sie seinerzeit aufgenommen hatten, zu Hilfe zu kommen, um die Abtei von Sénanque wieder zu beleben. Sénanque, 1148 gegründet, wurde in den stürmischen Zeiten der französischen Revolution vom Staat beschlagnahmt und verkauft. Doch es wurde vor der Verwüstung bewahrt und der Kongregation von der Unbefleckten Empfängnis wieder zurückgegeben. Lérins wollte Sénanque wieder beleben, hatte aber leider nicht die nötigen Brüder dazu. Die Brüder vom hl. Johannes leisteten vier Jahre Hilfe. Hiermit schloss sich ein kleiner Kreis in der Geschichte des Ordens.

 

Die Schwestern und die Familie des heiligen Johannes

Am 25. März 1993 werden die Konstitutionen der kontemplativen Schwestern von Erzbischof Albert Decourtray approbiert und der Kongregation das diözesane Recht zugesprochen. Am 7. Oktober 1993 werden die apostolischen Schwestern von Mgr Raymond Séguy, dem Nachfolger von Mgr Le Bourgois, als Institut des geweihten Lebens diözesanen Rechts anerkannt. Die Familie des heiligen Johannes, jetzt bestehend aus den drei Zweigen der Brüder, der kontemplativen und der apostolischen Schwestern, ist nun fest in der Kirche verankert.

Vom 29. Oktober bis zum 1. November 1994 pilgert die ganze Kongregation vom hl. Johannes nach Rom: 1200 Pilger begeben sich auf die Spuren der Apostel.

Das Generalkapitel von 1995 nimmt eine bedeutsame Entscheidung vor: Die Kongregation wird nun weltweit in acht Vikariate aufgeteilt. Diese sind keine Provinzen, da sie unter der Obhut eines Vikars stehen, der die Autorität des Generalpriors vertritt, selber aber keine eigenständige Autorität besitzt. Hiermit wird sowohl der weltweiten Ausbreitung der Kongregation Rechnung getragen als auch der Einheit mit dem Gründer und Generalprior. Im Generalkapitel von 2001 wird ein neuer Generalprior für sechs Jahre gewählt, P. Jean-Pierre-Marie Guérin-Boutaud. P. Marie-Dominique Philippe bleibt als Berater an seiner Seite, um die weiteren Schritte der Kongregation vorzunehmen. Dieser legt Wert sowohl auf die brüderliche Einheit in den Prioraten als auch auf den missionarischen Eifer, den sowohl die einzelnen Priorate als auch die ganze Kongregation aufrechterhalten sollen.

Ein Rückblick auf das Wachstum der Kongregation zeigt, wie Gott unsere Ordensfamilie mit jungen Berufungen gesegnet hat. Danken wir Gott für all Seine Wunder, und bemühen wir uns, diese „Söhne des Lichtes“ (vgl. 1 Th 5,5) zu sein, die der himmlische Vater sich wünscht.

Zeugnisse

Der Heilige Johannes und die Kirche

Interview mit dem Gründer der St. Johannesgemeinschaft
Pater Marie-Dominique Philippe

Pater Philippe, Sie sprechen von sieben Brüdern, die am 8. Dezember 1975 in Lerins mit der Weihe an Maria ihren Akt der Verbindlichkeit ablegten. Es waren aber doch nur sechs Studenten. Haben Sie sich selbst dazugezählt? Sie gehörten damals als Priester zum Dominikanerkloster in Freiburg und hatten an der dortigen Universität einen Lehrstuhl für Philosophie. Haben Sie sich diesen jungen Leuten und ihrer Marienweihe angeschlossen?

Diese jungen Leute haben mich gebeten, sie zu begleiten, sie christlich und spirituell zu unterrichten über das Philosophiestudium hinaus – denn sie wollten sich ganz dem Herrn schenken. Da habe ich sofort gespürt, dass ich ihnen nahe sein musste. Ich verstand ihren Wunsch gut und nahm ihn in mein Herz, wie es meiner dominikanischen Berufung entspricht. Es gehört nämlich zum dominikanischen Leben, dem Nächsten zu dienen und ihm zu helfen, den Willen Gottes zu erkennen, Gott als Vater zu entdecken und aus dieser Vaterliebe zu leben. Das wollte ich gern für diese jungen Leute tun. Ich habe ihnen aber gesagt, dass ich keinen kirchlichen Auftrag dafür habe. So konnte ich ihnen nur raten: „Versucht selbst zu erkennen, was der Herr von Euch erwartet.“ Ich erinnere mich noch an die damalige Reaktion von Pater Marie-Alain: „Pater Philippe, fangen wir an! Auch wenn wir noch nicht die Erlaubnis der Kirche haben. Wir sind bereit, Ihnen überallhin zu folgen.“ Meinem christlichen Gewissen folgend wollte ich aber nicht ohne das Einverständnis der Kirche beginnen. Für mich wäre dieses Engagement kein Risiko gewesen; aber für diese jungen Menschen wäre ein Leben der Ganzhingabe sehr riskant gewesen ohne die Unterstützung und Ermutigung der Kirche. Die Kirche musste bestätigen, dass der Wunsch dieser Studenten wirklich vom Hl. Geist kam und erfüllt werden sollte. Marthe Robin hat das auch so gesehen, als ich mit ihr darüber gesprochen habe.

So haben Sie also eine Einbindung in die Kirche angestrebt, als diese jungen Leute ihr Vertrauen in Sie setzten. Was war der Grund?

Wenn man sich auch nur ein bisschen vom Weinstock der Kirche entfernt, dessen Stamm Jesus ist (Joh 15, 1. 5), dann vertrocknen die Rebzweige schnell und tragen keine Frucht mehr. Ich wusste zwar, dass diese jungen Männer begeistert aufnahmen, was ich damals unterrichtete; aber das genügte mir nicht. Ich wollte keine Gemeinschaft von Intellektuellen, oder von Leuten, die in Freundschaft zusammenleben und die Wahrheit suchen. Ich begriff, dass es um mehr und tieferes ging, nämlich um die Kirche und die persönliche Heiligkeit. Das betraf also ihr ganzes christliches Leben. Deshalb bedurfte es einer Beheimatung in der Kirche. Mir war aber damals noch nicht ganz klar, wie sich das gestalten könnte. Wir haben uns langsam vorangetastet. Das ist nicht verwunderlich, denn ich hatte ja nie daran gedacht, eines Tages mit jungen Menschen in der Kirche etwas zu gründen. Sie haben mich dazu gebracht und ich habe versucht, es in Offenheit und Vertrauen gegenüber der Kirche zu tun.

Schließlich kam es zur Angliederung an die Abtei Saint-Honorat in Lérins: ein kleiner Zweig wird gleichsam auf den alten monastischen Stamm gepfropft. Ist von dieser gottgefügten Verbindung nach so vielen Jahren noch etwas gültig für die „Familie des Hl. Johannes?

Gott hatte alles vorbereitet für diese Angliederung. Ich hatte das am Anfang nicht begriffen, sondern erst im Nachhinein. Als ich nach Freiburg kam, interessierte ich mich für die benachbarten Abteien. So erfuhr ich von der Zisterzienserabtei Hauterive und nahm Kontakt auf. Ich wurde gebeten, dort spirituelle Vorträge zu halten. Der damalige Prior wurde dann später General der Zisterzienser. Ihn musste der Abt von Lérins fragen, ob seine Abtei einer entstehenden geistlichen Gemeinschaft mütterlichen Beistand gewähren könne. Und als der ehrwürdige Pater Dom Kleiner hörte, dass Pater Philippe der Verantwortliche sei, antwortete er: „Den kenne ich gut. Nur zu.“ Das war für mich wie ein Zeichen (unter anderen), dass der Liebe Gott alles schon im Voraus vorbereitet hatte. Das hat die tiefe Verbindung mit Lérins bestätigt, die durchaus nicht künstlich war. Der Abt hat mich einmal gefragt: „Ist das ein ’Konstrukt’, um die spätere Autonomie anzustreben?“ Worauf ich geantwortet habe: „Keineswegs! Das ist für mich ganz wesentlich. Man muss nur schauen, wie die Dinge heute laufen … Ich glaube, man kann nur etwas Solides machen, wenn man an die großen monastischen Traditionen anknüpft.“

Im Moment scheint diese Verbindung zwar kaum zu existieren, aber sie besteht dennoch weiter. Wir hatten sogar einmal erwogen, eine Art gemeinsame Abtei in Sénanque zu machen, aber es kam dann doch nicht dazu. Auf Wunsch der Kirche mussten wir autonom werden, um eine Vermischung zu verhindern. Unsere jüngsten Brüder kennen Lérins zwar nicht mehr, aber es würde mich nicht wundern, wenn in einiger Zeit wieder konkrete Beziehungen entstünden. Patres der Johannesgemeinschaft könnten z.B. Lérins oder Sénanques als Exerzitienort wählen. Anschließend könnten sie dann vielleicht für sich selbst noch einige Tage der Stille anhängen. Das würde die Verbindung mit dem monastischen Leben stärken, worüber ich sehr froh wäre.

Die Johannesgemeinschaft entstand zehn Jahre nach dem Konzil, mitten in den „aggiornamento“-Bestrebungen. Wo situieren Sie die Kongregationen der Brüder und Schwestern in der Erneuerung des Ordenslebens?

Die Erneuerung der Kirche muss eingebettet sein in eine kontemplative Erneuerung, eine Erneuerung des monastischen Ordenslebens, sonst besteht die Gefahr, dass sie ein bisschen äußerlich bleibt. Das wäre schade, denn das Leben der Kirche ist nicht peripher, sondern durch den Hl. Geist verankert in den Herzen Jesu und Mariens. Der Hl. Geist hat mich sicherlich auf diese Gründung vorbereitet, ohne dass ich es wusste. Ich habe schon immer die Apokalypse sehr geliebt. Es hat mich verwundert, dass man in der Theologie der Kirche so wenig von ihr spricht, so als wäre dieses Buch einigen Spezialisten vorbehalten und beträfe nicht das Leben der Kirche. So bat ich den hl. Johannes, unser Vater zu sein, und uns weiterzugeben, was er selbst auf Patmos empfangen hatte: diese Vision der Kirche, die ganz ausgerichtet ist auf das Vado ad Patrem (Ich gehe zum Vater)1, auf die Wiederkunft Jesu. Im Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente“ zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 sehen wir das auch ganz deutlich. Als ich diesen Text des Hl. Vaters gelesen habe, dachte ich mir: „Das betrifft ganz besonders uns, denn wir wollen das monastische Ordensleben in diesem Licht leben.“ Wohl in einer etwas speziellen Form, das stimmt. Manche behaupten, das sei gar kein monastisches Leben. Es hängt davon ab, ob man es in seiner Tiefe betrachtet oder auf formelle Weise. Wenn man in die Tiefe geht – so wie Katharina von Siena, die von der „inneren Zelle“ spricht – dann kann man gewissermaßen eine Erneuerung erkennen, denn sie zeigt uns das eigentliche Kloster: das himmlische Jerusalem, das vom Himmel herabkommt, geschmückt wie eine Braut.2 Das verleiht eine große innere Freiheit und eine große Bereitschaft, auf jeden Ruf des Hl. Geistes zu antworten.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Erneuerung des monastischen Ordenslebens eschatologisch sein muss, verwurzelt in der Apokalypse. Wir müssen ganz auf die Wiederkunft Christi ausgerichtet sein, was uns umso tiefer in die Gegenwart hineinstellt. Die Tage sind gezählt, es darf keinen Dilettantismus mehr geben. Im Licht der Weisheit der Liebe wollen wir kühn voranschreiten. Wir möchten ein von innen erneuertes Ordensleben führen – erneuert vom hl. Johannes her. Die ersten Mönche sind Johannes und sein Meister, der Täufer. Sie sind sehr unterschiedlich. Was Johannes vom Täufer empfangen hat, ist immer weiter gewachsen. Bei uns sollte es ähnlich sein. Aber das machen nicht wir. Wenn wir zu viel daran dächten, würden wir die Sache vielleicht sogar zu sehr intellektualisieren; dann wären wir nicht mehr ganz verfügbar für den Hl. Geist. In erster Linie sollten wir aufmerksam auf den Hl. Geist hören und ihn beständig fragen, was er von uns erwartet. Deshalb wollen wir die Brüder und Schwestern der Johannesgemeinschaft dazu erziehen, auf den Hl. Geist zu hören, ihm zu gehorchen und keine menschlichen Pläne mehr zu haben.

Sie vermitteln uns die Wichtigkeit des Bundes mit Petrus, und als Ordensoberer respektieren Sie sehr die Autorität der Bischöfe, vor allem bezüglich der Neugründungen. Welche Beziehung besteht zwischen diesen beiden Aspekten?

Ich betrachte im Johannesevangelium gern die Beziehung zwischen Johannes und Petrus. Das hilft mir, die beiden besser zu verstehen. Ich wünschte mir, dass das ein wenig unsere praktische Theologie wäre, im Licht der Weisheit.

So können wir verstehen, wie wir die Autorität unseres Hl. Vaters empfangen sollen. Die Vorsehung hat gewollt, dass wir ihm nahe stehen. Wir wünschen uns eine solche Nähe auch zu den Bischöfen, die uns rufen. Das ist notwendig für unser apostolisches Leben. Wenn wir in einer Diözese arbeiten, wollen wir auf den Ruf Gottes antworten; und der kommt uns auf sichtbare Weise durch die Bischöfe zu. Wir wollen unsere Bischöfe lieben, wie Johannes Petrus geliebt hat. Neben einem großen Respekt möchten wir ein gutes Vertrauensverhältnis in der Zusammenarbeit haben. Da der Hl. Geist die Armut in unser Herz legt, müssen wir in dieser Abhängigkeit sein. Wir können einem Bischof nicht sagen: „Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden ein Kloster bauen und wir brauchen keine finanzielle Hilfe von Ihnen.“ Nein. Wir müssen unsere Bischöfe um Hilfe bitten für unser Leben. Das ist ein wunderbarer Akt der Demut. Das altehrwürdige monastische Leben könnte sich nämlich u.U. isolieren. Ich habe aber zutiefst gespürt, dass der Hl. Geist eine große Einheit will zwischen der Hierarchie und dem monastischen Leben. Das geschieht vor allem durch den apostolischen Einsatz, der eigentlich untypisch ist für das monastische Leben, denn er geht von den Nachfolgern der Apostel aus. Es gehört zu unseren Prinzipien, im Dienst der Nachfolger der Apostel zu stehen. Das heißt aber nicht, dass wir den Geist des hl. Johannes, den Geist der Kontemplation aufgeben. Ich halte es für wichtig, in Freundschaft und Vertrauen mit unseren Bischöfen verbunden zu sein und mit ihnen zusammenzuarbeiten, über den rein kanonischen Aspekt hinaus. Wir wissen, wie schwierig heute das Amt eines Bischofs ist. So wollen wir ein Element der Einheit sein. Ich weiß, dass wir das nicht immer ganz umsetzen können, aber wir haben zumindest diesen großen Wunsch.

Mittlerweile ist aus dem anfänglich kleinen Kern eine große Familie geworden. Zur „Familie des Hl. Johannes“ gehören die Brüder, die kontemplativen Schwestern, die apostolischen Schwestern, die Säkularoblaten und die Freunde. Was ist das Gemeinsame bei diesen verschiedenen Gruppen?

Es ist eine besondere Beziehung zu Maria und zu Petrus, so wie Johannes sie hatte. Oder anders ausgedrückt: alle wollen im Geist des hl. Johannes leben, ihn als Vater annehmen und als seine geliebten Kinder seinem Vaterherzen ergeben sein. Unter seiner Vaterschaft zu leben bedeutet zum einen, all die Geheimnisse zu empfangen, die er selbst geschenkt bekam: die Geheimnisse der Hl. Dreifaltigkeit, des fleischgewordenen WORTES und des Erlösers Jesus Christus. Zum andern heißt es, so wie Johannes von den Worten Jesu zu leben, von der Kirche und der Nächstenliebe – oder es zumindest versuchen. Und das in unserer so komplexen Zeit, die man so schwer in ihrer Tiefe erfassen kann. Alles verleitet dazu, sie nur äußerlich zu beurteilen. Deshalb wollen wir dem Beispiel von Johannes folgen und das Geheimnis der Hl. Dreifaltigkeit und des priesterlichen Herzens Jesu betrachten. Denn je höher wir uns erheben in der Kontemplation, umso tiefer erkennen wir das Herz des Menschen mit seinem Durst nach Liebe, und den menschlichen Verstand mit seinem Durst nach Wahrheit. Nur mit einem kontemplativen Blick, nur aus der Sicht der göttlichen Weisheit können wir begreifen, was die heutige Menschheit braucht, was sie von Christus, Maria und Johannes empfangen muss. Wir sollen ausgehend von der johanneischen Offenbarung die dringendsten Bedürfnisse der heutigen Menschheit erkennen. So erkläre ich mir, warum Gott diese Gemeinschaft wollte trotz ihrer großen Schwächen. Wir verstecken sie nicht; es gibt ihrer wirklich viele. Aber wir bemühen uns, dass es so wenig wie möglich sind. Vielleicht bekommen wir gerade wegen dieser Schwächen so überreiche Gnaden geschenkt von Gott, von den Herzen Jesu und Mariens. Schauen wir nur, wie schnell Gott eine so große Zahl junger Menschen zur Johannesgemeinschaft geführt hat, sowohl bei den Brüdern als auch bei den Schwestern. Das gibt große Hoffnung und übersteigt bei weitem alle Erwartungen. Das ist eine göttliche Antwort, die wir aufmerksam empfangen wollen. Es geht darum, verfügbar zu sein für den Hl. Geist, und nicht, uns zu rühmen. Denn das machen nicht wir, sondern Gott wirkt durch uns.

Fürchten Sie nicht, dass die „Familie des Hl. Johannes“ sich durch diese spezifische Besonderheit vom Rest der Kirche abkapseln könnte?

Man muss selbstverständlich ganz in der Kirche sein. Es gibt aber für alle Christen gelegentlich diese Versuchung, sich in sich zu verschließen. In ganz ausgeprägter Form ist es die Versuchung des Pharisäertums. Aber auch jemand, der sich einer großen Aufgabe nicht gewachsen fühlt, kann in die Versuchung des Rückzugs geraten. Der geliebte Jünger Jesu zu sein, z.B. ist nicht leicht! Das machen auch nicht wir selbst, sondern wir erbitten es uns. Dies ist gewissermaßen ein besonderer Ruf, der an uns ergeht. Und wenn wir echte Jünger Christi sein wollen, dann müssen wir sanftmütige, treue und arme Jünger sein. Das sind die drei Merkmale des Jüngers. Solange wir also wirklich das leben, besteht keine Gefahr, dass wir uns in uns selbst verschließen. Die Armut verhindert jegliche Abkapselung. Die Treue erfordert, dass wir stets weiter voranschreiten. Durch die Sanftmut vermeiden wir im Kampf Verletzungen, so gut es geht. Wir wollen allen dienen, auch denen, die uns ablehnen, die uns nicht lieben, denen es lieber wäre, wenn es uns nicht gäbe. Wir versuchen, so liebenswürdig wie möglich zu sein, um die Herzen zu gewinnen.

Es kann wohl gelegentlich eine Abkapselung geben, denn niemand ist davor gefeit, auch wir nicht. Aber eine große Nächstenliebe, wie Johannes sie uns in seinem ersten Brief ans Herz legt, verhindert vielleicht einen solchen Rückzug. Ein Bruder, der aufmerksam ist gegenüber seinem Bruder, lässt nicht zu, dass er sich in sich verschließt. Wenn man sich also wirklich liebt mit echt johanneischer Nächstenliebe, kann man sich nicht abkapseln.

Die Johannesgemeinschaft breitet sich aus in der ganzen Welt. Es sind immer kleine Gemeinschaften, die oft recht schwach erscheinen. Leben die Johannesbrüder und -schwestern durch diese Unsicherheit der Lebensverhältnisse vielleicht etwas von der eschatologischen Dringlichkeit der Kirche dieses neuen Jahrhunderts?

Ja, die Unsicherheit und Schwäche unserer kleinen Priorate ist wirklich offensichtlich. Das könnte einem manchmal Angst machen. Aber Maria ist da und bewahrt die Brüder und Schwestern in ihrem Herzen und unter ihrem mütterlichen Mantel. Ich glaube, der Herr möchte von uns heilige Kühnheit. Der Psalm 33, den wir regelmäßig im Stundengebet singen, sagt das wunderbar: „Nichts nützen die Rosse zum Sieg, mit all ihrer Kraft können sie niemand retten. Doch das Auge des Herrn ruht auf allen, die ihn fürchten und ehren, die nach seiner Güte ausschauen.“ Man soll in Schwierigkeiten nur auf die Hilfe Gottes zählen. Akzeptieren wir die Kämpfe, in denen die Gegner Jesu und der Kirche äußerlich scheinbar siegen, wie am Kreuz. Der Teufel war überzeugt, dass er am Kreuz gesiegt hat: endlich hatte er erreicht, dass Jesus schweigt und seine Gegner die Überhand haben. In der Kirche ist es genau das gleiche: Wenn sie scheinbar ganz schwach und unterlegen ist, dann siegt sie und vermittelt die Liebe und das Licht auf ungeahnte Weise. Ich wage zu behaupten, dass wir hier ein wenig eine Vorreiterrolle übernehmen. Ich liebe die Schriftstelle, wo der hl. Lukas zeigt, dass der Herr Menschen zu sich ruft, von denen wir das nie gedacht hätten.3 Genau das leben wir. Würden wir nach menschlichen Kriterien urteilen, so müssten wir zu vielen sagen: „Nein, Sie passen nicht zu uns.“ Wir schicken eigentlich nur die reinen Intellektuellen weg. Ich erinnere mich an einen jungen Ingenieur mit zwei Doktortiteln und ich weiß nicht wie vielen Diplomen. Er sagte mir: „Ich habe gehört, dass die Johannesgemeinschaft für Intellektuelle ist, auf philosophischer und theologischer Ebene. Ich möchte kommen.“ Da habe ich geantwortet: „Wenn Sie deshalb kommen wollen, dann haben Sie keine Berufung.“ Als er mich ganz verblüfft anschaute, fuhr ich fort: „Wir wollen das Herz Christi betrachten und lieben, und das Herz Mariens. Deshalb bemühen wir uns intensiv darum, die Wahrheit zu suchen: um besser zu lieben. Wir möchten unseren Verstand reinigen von den Einflüssen all der modernen Ideologien, die mehr oder weniger atheistisch und überheblich sind. Unser Verstand soll ganz im Dienst der Liebe stehen.“ Das ist unser Ziel. Aber wir wissen natürlich auch, dass man sich intellektuell rüsten und ständig voranschreiten muss, damit die Wahrheit in immer größerer Klarheit weitergegeben werden kann. Das gilt sowohl für die Philosophie als auch für die Theologie. Wir wollen beständig die Wahrheit suchen, um immer besser lieben zu können. Dann besteht keine Gefahr, dass wir zu einem kleinen Clan werden, zu einer Art Sekte, wie manche meinen. Nein. Wir setzen uns offen auseinander mit allen heutigen Strömungen, sei es im Bereich der Kunst, der Wissenschaft oder der Philosophie. Das ist beeindruckend. Aber wir übernehmen nicht jede Philosophie. Wir lernen sie jeweils kennen und suchen das, was wahr ist in ihr. Das nehmen wir dann auf, damit unsere Philosophie nicht archaisch wird, sondern auf die Probleme der Gegenwart antwortet – vor allem im Bereich der Ethik. Angesichts solch schwieriger Fragen muss man ganz aufmerksam sein auf philosophischer, theologischer und mystischer Ebene – das sind die drei Weisheiten, die uns der hl. Thomas von Aquin so hervorragend darlegt. Wir versuchen, aus unseren Häusern Oasen des Lichtes und der Liebe zu machen für die heutige Welt.

Ich habe mehrmals mit Marthe Robin über ihre „Foyers de Charité“ gesprochen und sie gefragt: „Gilt das nicht für die ganze Kirche?“ Und Marthe hat mit ihrer leisen Stimme geantwortet: „Vielleicht, Pater.“ Wenn sie aber etwas hörte, was nicht stimmte, antwortete sie ganz klar: „Nein, das ist nicht wahr. Es ist nicht so.“ In diesem Fall stimmte es aber: das Licht der Wahrheit, die Nächstenliebe und die kontemplative Liebe zu Gott fassen das ganze Leben der Kirche auf johanneische Weise zusammen. Dadurch wird von den anderen Evangelien und den Paulusbriefen nichts ausgeschlossen. Aber es wird ein besonderer Akzent auf das Licht der Wahrheit und auf die Liebe gelegt.

Wenn ich zurückblicke auf all die vergangenen Jahre der Johannesgemeinschaft, dann trage ich eine ganz große Dankbarkeit in meinem Herzen. Jesus und Maria waren so gut zu uns während all dieser Jahre. Sie haben uns mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit umgeben, obwohl wir so viele Fehler gemacht haben in unserer Schwachheit und Gebrechlichkeit. Ich war so wenig darauf vorbereitet, eine Gemeinschaft zu leiten (die zudem recht schnell gewachsen ist). Die einzige Autorität, die ich ausgeübt hatte, war die als Philosophieprofessor in Saulchoir (Studienkonvent der Pariser Dominikanerprovinz) und an der Universität Freiburg. Wenn die Gemeinschaft sich so wunderbar entwickelt hat, so dank der großen Liebe Jesu und Mariens.

Wir durften so viele Zeichen des väterlichen Wohlwollens Gottes gegenüber der Johannesgemeinschaft erleben. Ich will hier nur eines nennen: 1995 hatte Pater Marie-Alain einen schweren Unfall in Guinea. Er ist der erste Bruder der Gemeinschaft. Als er in Freiburg Philosophie studierte, bat er mich als erster, ihm zu helfen, auf den Ruf Gottes zu antworten. 1994 hatte er mich während des Generalkapitels darum gebeten, nach Guinea gehen zu dürfen, auf die dringende Bitte von Bischof Sarah hin. Und so ging er. Am 6. August 1995, dem Fest der Verklärung des Herrn, war er dort unterwegs, um eine Messe zu feiern. Er musste die schiefe „Teufelsbrücke“ überqueren, die von den Einheimischen so genannt wird wegen der vielen tödlichen Unfälle. Als er das Ende der Brücke fast erreicht hatte, kam das Auto ins Schleudern und Pater Marie-Alain wurde auf unerklärliche Weise aus dem Auto geschleudert. Das Auto zerschellte unten im Flussbett und unser Bruder fand sich weit entfernt am Ufer wieder. Normalerweise wäre er im Auto zerquetscht worden … Was ist geschehen? Er selbst kann es sich nicht erklären. Für mich ist das ein Zeichen des besonderen Schutzes der Gottesmutter für einen ihrer geliebten Söhne …

Die göttliche Führung hat sich in der Johannesgemeinschaft seit den Anfängen immer wieder deutlich gezeigt. Jesus und Maria hatten alles vorbereitet für die „Geburt“ dieser neuen geistlichen Familie. Ich möchte hier nur an den Beginn in Freiburg erinnern: 1975 begann dort die „Militia Immaculata“ von Pater Maximilian Kolbe, dem Märtyrer der Nächstenliebe. In dieser Vereinigung legten jene, die später die ersten Johannesbrüder werden sollten, am 8. Dezember 1975 die Marienweihe ab. Ist das nicht gleichsam die verborgene Quelle der Johannesgemeinschaft?

30 Jahre Kongregation des Hl. Johannes

Br. Marie-Thomas Bertaud du Chazaud

Als Student im Jahre 1968 war es für mich nicht einfach, in den Stürmen der damaligen Zeit zu leben und zugleich den Ruf des Herrn in seine Nachfolge zu vernehmen. Nach meinem Militärdienst und drei Versuchen, in verschiedene neue Gemeinschaften einzutreten, beschloss ich, alles hinter mir zu lassen und eine Arbeit zu suchen. Die Vorsehung jedoch wachte. Am Tag als ich die dritte Gemeinschaft verließ, im August 1973, besuchte Pater Marie-Dominique Philippe für 24 Stunden diesen Ort. Einige Tage später – dank der Vermittlung durch eine irdische Mutter, die der himmlischen sehr gehorsam war – traf ich Pater Philippe, der sich die Nase reibend sagte: “Beunruhigen sie sich nicht, man muss dranbleiben. Kommen sie nach Freiburg!”

Daraus wurden zwei sehr reiche und schwierige Jahre.

Wir lebten damals noch zerstreut in Freiburg, ohne echte Gemeinschaft, versammelten uns jedoch alle im gleichen Geist unter der väterlichen Führung von Pater Philippe. Wir folgten seinem Unterricht, ohne genau zu wissen, was nun die Zukunft bringen würde. Wir pflegten auch regen Austausch mit den Jugendlichen von „Notre Dame de la Sagesse“. Dort machten wir Bekanntschaft mit Henri Bricard, Jean Francois Le Gal (heute Pater Jean-Francois-Marie), Bernard Callier (Pater Marie-Bernard), die sich kurze Zeit später unserer kleinen Gruppe anschlossen. Während dieser zwei Jahre begeisterten sich unter uns viele Studenten für die marianische Spiritualität des Hl. Maximilian-Maria Kolbe, und wir unternahmen regelmäßig Wallfahrten zu dem kleinen Heiligtum von „Notre Dame des Bourguignons“, das sich in Freiburg großer Beliebtheit erfreut. So wurden wir dank des später kanonisierten Maximilian Kolbe auf die Anwesenheit Mariens unter uns aufmerksam.

Dezember 1975: Pater Marie-Dominique Philippe predigt die Exerzitien für die Mönche der Zisterzienserabtei von Lérins. Die Exerzitien finden ihren Höhepunkt und Abschluss mit der Weihe der Abtei und der Insel des hl. Honorat an die „Unbefleckte Empfängnis“ durch den Abt Dom Marie-Bernard de Terris. Pater Philippe wird zu diesen Exerzitien von einer sechsköpfigen Studentengruppe begleitet, die sich kurze Zeit vorher zu einer Gebets – und Brudergemeinschaft zusammenschloss und sich um Pater Philippe sammelte. Die kleine Gruppe nimmt am Festgottesdienst anlässlich der Weihe an die „Unbefleckte“ teil, ohne jedoch zu wissen, dass die Vorsehung diesen Ort zur Wiege der St. Johannes -Gemeinschaft bestimmte, wo sie als junger Spross der Kirche einem alten monastischen Stamm aufgepfropft werden sollte.

Pater Mossu (heute Pater Philippe-Marie) und die fünf Studenten begaben sich in die kleine Dreifaltigkeitskapelle des Klosters, einem Juwel aus dem 5. Jahrhundert, um sich dort in größter Einfachheit und Stille Maria zu weihen ( Weiheakt an Maria gemäß dem hl. Ludwig Maria Grignon von Monfort ). Dieser Akt der Ganzhingabe an Maria erfüllte alle mit großem Frieden und Vertrauen. Niemand konnte damals sagen, was die Aufgabe der zukünftigen Gemeinschaft in der Kirche sein würde, obwohl die wesentliche Orientierung aufgrund der kurzen Erfahrung des gemeinsamen Lebens schon ersichtlich war : das stille Gebet ( oratio ), die Verbindung mit Maria, die Wahrheitssuche im Lichte des hl. Johannes und die Einheit und Einfachheit in der brüderlichen Liebe.

Wir erkannten bald, dass der Herr durch seine Antwort unsere kühnsten Erwartungen übertraf. Nachdem sich uns schon bald einige andere angeschlossen hatten, machte die neue Fraternität innerhalb der Zisterzienserabtei von Lérins ihre ersten Schritte als Gemeinschaft in der Kirche. Denn an diesem Ort begannen die Brüder der jungen Gemeinschaft die ersten Etappen des Ordensleben: Einkleidung, zeitliche und ewige Gelübde bis zum Empfang der Priesterweihe, die auch ich als vollkommen unerwartetes Geschenk empfing, woran ich vorher nie zu denken wagte.

Im Rückblick auf 30 Jahre väterlicher Führung der Kongregation des hl. Johannes durch Pater Marie-Dominique Philippe und meine 26 Jahre Priestertum im Ordensstand gemeinsam mit meinen Brüdern, und im Blick auf alles, was wir ohne zu planen empfangen haben, möchte ich dem Herrn von Herzen meinen Dank sagen. Geführt an der Hand Mariens, bin ich voll Hoffnung für eine Fortsetzung des Werkes der Evangelisation für eine Zivilisation der Liebe im Herzen der Kirche.

Zisterzienser in Lérins
Eine kleine Gruppe der Studenten versammelte sich am 8. Dezember 1975 in Lérins in einer alten Kapelle, die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht ist, um sich der Unbefleckten Jungfrau Maria zu weihen und ihre Zukunft in die Hände Mariens zu legen. Obwohl dies im Verborgenen stattfand, wurde diese Weihe an Maria immer als der Moment der Gründung der Gemeinschaft vom Heiligen Johannes angesehen.
 

Mirabilia Dei

Br. Marie-Joseph, Zisterzienser von Lérins

Die Abtei von Lérins erlebt im Jahre 1975 eine Zeit des Aufschwungs. Im Jahre 410 vom heiligen Honorat gegründet, gingen im Laufe der 1500 Jahre ihres Bestehens etwa 80 Heilige aus dieser Abtei hervor. Es gab jedoch auch Zeiten des Abstiegs. So schien auch in den frühen 70er Jahren die Zukunft der Abtei in Frage gestellt zu sein. Die Gemeinschaft alterte. Die Berufungen hörten auf. Im Jahre 1973 gab es jedoch einen Neuanfang. Durch das Gebet der Mönche, vor allem einiger sehr alter Patres, die ihr Leiden in der Stille für eine Wiederbelebung von Lérins aufopferten, wurde die Gnade eines Neubeginns geschenkt, der die Abtei verwandeln sollte.

Durch die Vorsehung wurde die soeben gegründete Gemeinschaft von Bethlehem, die sich in dieser Gegend niederlassen wollte, mit der Zustimmung des Abtes und seiner Mönche in einem freistehenden Gebäude wenige 100 Meter vom Kloster entfernt aufgenommen. Schwester Marie, die Gründerin der Gemeinschaft, bat darum, an diesem Ort für ihre Schwestern das Noviziat errichten zu dürfen. Einigen Brüdern wurde ein anderes Gebäude zur Verfügung gestellt, das kleiner und dem Kloster näher gelegen war.

Durch die Ankunft dieser jungen Generation voll Eifer und Elan kamen mehrere Jugendliche, die ihr Noviziat beginnen wollten. Die Abtei lebte wieder auf. Die Brüder von Bethlehem, die im Noviziat mitlebten, schlossen sich nach 2 Jahren des Überlegens und des Gebets beinahe alle den Mönchen von Lérins an. Das Kloster erlebte eine neue Jugend und es gab viele Berufungen.

Die Gemeinschaft von Bethlehem pflegte regen Kontakt mit Personen, die geistig und theologisch sehr bewandert waren. Auf diese Weise kam auch Pater Marie-Dominique Philippe mit Lérins in Kontakt und wurde nach und nach zu einem „Stammgast“.

Da diese Erinnerung aus der Vergangenheit ein Zeugnis sein soll, muss ich erwähnen, dass ich in der Nachfolge vom Abt damals gerade Prior und gleichzeitig Novizenmeister war. Ich hatte eine sehr gute Beziehung zu Pater Philippe und fand in meinen Gesprächen mit ihm viel Ähnlichkeiten und sehr treffende Antworten auf meine Fragen. Pater Philippe kam gewöhnlich mit dem Auto von Freiburg nach Lérins. Sein Chauffeur war einer seiner Studenten, Alain, der zu der kleinen Gruppe gehörte, die von einem gottgeweihten Leben angezogen waren und die diese Weihe in konkreter Weise leben wollten. Für diese Form der offiziellen Weihe hatte Pater Philippe noch keine Lösung gefunden, doch war er sich bewusst, dass ein weiterer Schritt unternommen werden müsse, um vor Gott das gemeinsame Leben dieser Studenten zu besiegeln.

Die durch den gleichen Wunsch vereinten Studenten sollten sich als Brüder wissen. Dieser Schritt wurde in Lérins getan. Die kleine Gruppe der Studenten versammelte sich am 8. Dezember 1975 in Lérins in einer alten Kapelle, die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht ist, um sich der Unbefleckten Jungfrau Maria zu weihen und ihre Zukunft in die Hände Mariens zu legen. Obwohl dies im Verborgenen stattfand, wurde diese Weihe an Maria immer als der Moment der Gründung der Gemeinschaft vom Heiligen Johannes angesehen.

Doch nun musste es eine offizielle Anerkennung durch die Kirche geben. In den folgenden zwei Jahren machte sich Pater Philippe auf die Suche und unternahm in dieser Hinsicht verschiedene Schritte. Unterschiedliche Lösungen wurden ins Auge gefasst, und schließlich fand er eine, die wirklich geeignet erschien. Beinahe war es mit den Chorherren zu einer Übereinkunft gekommen, als plötzlich, während sich Pater Philippe gerade in Lérins aufhielt, ein Telegramm ankam und das Scheitern dieses Vorhabens ankündigte.

An diesem Abend war der Abt abwesend. Das Telegramm kam während der Essenszeit per Telefon an. Als ich ins Refektorium zurückkehrte, steckte ich Pater Philippe, der den Platz neben mir hatte, einen kleinen Zettel zu, auf dem ich ihm den Inhalt des Telegramms mitteilte und hinzufügte : „Und warum nicht Lérins?“.

Als wir nach dem Essen allein waren und über den Inhalt des Zettels sprechen konnten, sagte mir Pater Marie-Dominique Philippe als Antwort auf den kleinen Satz, den ich dazugefügt hatte : „Seit langem denke ich daran…“

Als der Abt zurückkehrte, berichtete ich ihm von diesem Gespräch; er zeigte jedoch keine positive Reaktion. Die Ankunft der Gemeinschaft von Bethlehem hatte eine sehr gute Auswirkung auf das Leben des Klosters. Sie brachte jedoch auch eine große Verantwortung besonders für den Abt mit sich, der gesundheitlich geschwächt war. Der Gedanke an einen zusätzlichen Arbeitsbereich hatte ihn nicht sehr begeistert, da es sich auf den ersten Blick um ein etwas ungewöhnliches Vorhaben handelte.

Doch nach dieser ersten Reaktion überdachte der Abt alles im Gebet. Er hatte in seinem Herzen stets ein offenes Ohr für den Heiligen Geist und änderte oft seine spontanen Urteile. Er schätzte Pater Philippe, der der Ordensgemeinschaft auch ein wenig Philosophieunterricht erteilt und schon bei Exerzitien gepredigt hatte. So sprach er darüber mit Bischof Gilles Barthe, dem Bischof von Tolon, und mit anderen Personen, die er gerne zu Rate zog. Man entschloss sich, bei einem gemeinsamen Treffen zusammenzukommen, um die Sache genauer ins Auge zu fassen. Diese Zusammenkunft fand in Saint Maximin bei den Dominikanerinnen statt. Versammelt waren Bischof Barthe, Pater Marie-Dominique Philippe, Pater Mossu (der einzige Priester der Gruppe der Studenten), Alain d’Avout (der Student und Chauffeur), der Abt von Lérins und ich selbst. Während des Gesprächs erklärte Pater Philippe, wie ihn die Umstände ohne sein eigenes Zutun dazu geführt hatten, einige Studenten zusammenzuführen, die den Wunsch hatten, sich Gott zu weihen; zwei von ihnen waren unter uns. Es war ihre Sehnsucht, sich in einem Ordensleben im Geist des Heiligen Dominikus zu engagieren. Die Aufnahme in den Dominikanerorden hatte bei den Verantwortlichen des Ordens keine Zustimmung gefunden. Die Versuche mit den Gemeinschaften der Chorherren waren fehlgeschlagen. So wäre es vielleicht möglich, eine Vereinbarung mit Lérins zu treffen. Somit wäre eine kirchliche Anerkennung möglich, und eine Ausbildung zum kontemplativen Leben wäre eine Zeit lang gewährleistet. Die Studenten könnten sich auf ein sowohl kontemplatives als auch apostolisches Leben vorbereiten und hätten dabei einen gewissen kirchenrechtlichen Status.

In der Versammlung gab es sehr positive Ansichten. Es blieben jedoch auf Seiten Lérins viele offene Fragen. Man konnte sich diese Begegnung der zwei verschiedenen Arten der Berufung nur schlecht vorstellen und ging mit vielen Fragezeichen auseinander. Doch Bischof Gilles Barthe, der Abt und ich schlugen die Richtung zur Abtei der Benediktinerinnen von Jouques ein, wo wir die Nacht verbringen sollten, und suchten Dom Sighart Kleiner auf, den Generalabt des Ordens von Citeaux, der sich gerade dort aufhielt. Dieser Abend, der zur Lösung des Problems diente, endete mit folgender Schlussbemerkung. Bischof Barthe und der Generalabt wandten sich an unseren Abt von Lérins und sagten:

„ Vater, angesichts der Bitte von Pater Marie-Dominique Philippe und dieser Jugendlichen, die sich in einer schwierigen Zeit der Kirchengeschichte, wo die Berufungen immer mehr zurückgehen, dazu entschlossen haben, sich Gott zu schenken, muss man alles dazu unternehmen, um ihnen zu helfen. Lérins muss offen für dieses Vorhaben sein. Die Kirche bittet sie darum.“ Unser Abt antwortete darauf, dass wir bereit seien, alles in die Wege zu leiten, um für dieses Vorhaben eine praktische Lösung zu finden. Wir könnten jedoch nichts ohne die Zustimmung unserer Brüder von Lérins tun. Und da wir voraussahen, dass das Konventskapitel nicht bereit wäre, diesen Vorschlag anzunehmen, baten wir Bischof Barthe und den Generalabt, zu einer Versammlung des Kapitels zu kommen und ihnen ihre Sichtweise darzulegen.

So geschah es. Wie erwartet gab es Fragen und Reaktionen, die an einem positiven Wahlergebnis zweifeln ließen. Bischof Barthe und der Generalabt wiederholten also nochmals: „Die Kirche bittet Lérins um diesen Dienst.“ Und gegen alle Vorhersagen wurde es vom Kapitel von Lérins akzeptiert.

Rasch begann man damit, die nötigen Schritte in Rom zu unternehmen. Es gab weniger Verzögerung als bei vielen anderen Ansuchen, bei denen man oft mit viel Geduld auf eine Antwort von Rom warten musste. Rom akzeptierte, es wurde beschlossen, dass diese kleine Kerngruppe der zukünftigen St. Johannesgemeinschaft in die Gemeinschaft der Mönche von Lérins in der Form einer Oblatur (d.h. eine Art Halboblatur, für 7 Jahre) aufgenommen werde. Der Abt von Lérins sollte deren Ordensoberer sein, und die Brüder vom Heiligen Johannes sollten ein sechsmonatiges Noviziat in der Abtei machen, bevor sie sich wieder unter sich mit Pater Philippe zusammenfinden sollten, der vom Abt als örtlicher Oberer beauftragt wurde.

Es war gerade zur Zeit, als man auf eine Antwort aus Rom wartete, als Pater Philippe, der sich gerade auf einer Durchreise in Chateauneuf-de-Galaure befand, Marthe Robin um ihre Meinung fragt im Bezug auf die Wahl der Ordensgemeinschaft, an die er die kleine Gruppe von Studenten anzugliedern suchte. Damals war noch nichts für Lérins entschieden und er dachte sicher auch an andere Lösungen. Bei keinem der Vorschläge gab Marthe ihre Zustimmung, doch als er von Lérins sprach, sagte sie sofort: „Ja“. So hat es mir Pater Philippe erzählt.

Sobald die Situation von kirchenrechtlicher Seite geregelt war, kamen die Brüder nach Lérins. Der Erste war Pater Philipp-Marie, der einzige Priester. Ich empfing ihn im Noviziat, wo er sechs Monate lang blieb. Er war einer meiner besten Novizen. Andere folgten: Br. Alain, Br. Pierre-Marie, Br. Marie-Thomas, Br. Jean-Philippe. Mit außergewöhnlicher Großzügigkeit kamen sie allen Anforderungen des Noviziats nach und behielten dabei immer ihre Treue zum Gebet. Einigen, die sich stärker vom kontemplativen Leben angezogen fühlten, fiel die Eingliederung leichter als den Brüdern mit einer mehr apostolischen Berufung. Doch es war gerade die Verbindung dieser beiden Aspekte, wodurch die Grundmauern der zukünftigen St. Johannesgemeinschaft gelegt wurden. Pater Philippe legte besonderen Wert darauf, da sich jede apostolische Tätigkeit ohne kontemplative Tiefe von ihrem Ziel entfernt und damit Gefahr läuft, eine zu menschliche Aktivität zu werden.

Nach einigen Jahren war es nicht mehr möglich, den Brüdern ein sechsmonatiges Noviziat zu bieten, da sie zu zahlreich wurden. Die Zeit wurde auf drei Monate herabgesetzt und zugleich wurde auch die Vielfalt der Berufungen immer deutlicher. Die Identität der Brüder vom Heiligen Johannes trat immer deutlicher zu Tage, und die jungen Brüder verstanden weniger ihren Platz in einem rein kontemplativen Kloster. Zu dieser Zeit trat Bruder Césaire als Novizenmeister an meine Stelle, doch ich hatte weiterhin Kontakt zu den Brüdern. Die Schwierigkeiten häuften sich, und nach Ablauf der sieben vorgesehenen Jahre war es an der Zeit, dass die Brüder nun unabhängig eine Ausbildung erhalten sollten, die mehr ihrer eigenen Berufung entsprach.

Während der Zeit dieses ersten Wachstums der St. Johannesgemeinschaft unter der Schutzherrschaft unserer Abtei war jedes Jahr eine kirchenrechtliche Visitation vorgesehen. Diese Besuche fanden zunächst in Freiburg und später in St. Jodard und in Rimont statt. Zweimal wurde ich von unserem Abt dazu beauftragt, diese Visitationen durchzuführen. Das erste Mal kam ich nach Freiburg, wo die Brüder in drei kleine Gemeinschaften aufgeteilt waren. Ich sprach nacheinander mit allen Brüdern, hörte ihnen zu und gab ihnen bei Bedarf einige Ratschläge. Ihr Eifer für das Studium war groß und ich hatte eine leichte Visitation. Wie verwundert war ich, als nach allen Brüdern auch Pater Marie-Dominique Philippe eintrat, und sich demütig dem kirchenrechtlichen Gesetz unterwarf. Dem Abt, der sein Oberer war, legte er seine Gedanken über die Gemeinschaft vom Heiligen Johannes dar. Im Laufe dieser Visitation erfuhren wir auch vom Tod Marthe Robin´s, auf deren Fürsprache wir uns nun mehr denn je verlassen konnten. Meine zweite Visitation führte mich nach Rimont – es war eine der letzten, bevor die Gemeinschaft vom Heiligen Johannes unabhängig wurde. Ich habe sie noch gut in Erinnerung. Alles war schon an seinem Platz. Lérins war unmerklich in den Hintergrund getreten. Man konnte sogar keine Brüder mehr aufnehmen, da sie so zahlreich waren. Nur einige machten hier Exerzitien und hielten durch ihren Aufenthalt den geistigen und brüderlichen Kontakt aufrecht. Ich konnte die Brüder nur dazu auffordern, immer mehr in Einheit mit Pater Philippe verbunden zu sein, der bald ihr offizieller Prior sein würde.

Nachdem das gemeinschaftliche Leben zwischen Lérins und der St. Johannesgemeinschaft beendet wurde, bleibt nur mehr die Gemeinschaft im Herzen, durch das Gebet und in der Erinnerung. Unser Abt Dom Marie-Bernard, der diese schöne Begegnung in die Wege geleitet hatte, lebt nicht mehr. Unser neuer Abt und die jungen Mönche von Lérins haben die Gemeinschaft vom Heiligen Johannes nur wenig gekannt, und die Brüder der St. Johannesgemeinschaft, die jetzt auf allen Kontinente vertreten sind, kennen Lérins nur aus der „Geschichte“ ihrer Kongregation.

Das 30-jährige Jubiläum soll uns in einer großen Danksagung an die Unbefleckte Jungfrau Maria vereinen, der auch unsere Klostergemeinschaft geweiht ist. Maria, die bei dem vielgeliebten Jünger geblieben ist und auch weiterhin bei den Brüdern der St. Johannesgemeinschaft bleibt, hat den Hl. Geist „bewogen“ in einem kurzen Abschnitt der Kirchengeschichte aufs Neue die „mirabilia Dei“ (die Wundertaten Gottes) zu offenbaren.

Der 8. Dezember 1975

Br. Alain-Marie d´Avout – 8. Dezember 1975

Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der St. Johannesgemeinschaft drängt sich oft die Frage nach dem wahren Grund für das Wunder ihrer Entstehung und ihrer anschließenden Entwicklung auf.

Was mich betrifft- ich bin im Oktober 1971 in Freiburg ( Schweiz ) angekommen. Der Einladung von Pater Marie-Dominique Philippe folgend, den ich dank der Vorsehung auf der Hochzeit eines Cousins traf, begann ich mein Philosophiestudium in Freiburg. Ich glaube, es war seine Art, die hl. Messe zu feiern, warum ich ihn nachher in der Sakristei ansprach, um ihn um einen Gesprächstermin zu bitten. Durch die darauf folgenden Gespräche mit ihm kam ich bald zur Überzeugung, dass das Philosophiestudium in Freiburg für mich die beste Vorbereitung für einen späteren Eintritt ins Ordensleben sei.

Nach dem 3. Studienjahr an der Universität beschloss ich gemeinsam mit vier anderen Studenten, die ebenfalls der Einladung von Pater Marie-Dominique folgten, den begonnen Weg fortzusetzen. Es gab aber auch noch einen anderen Grund, der mich in meiner Entscheidung bestärkte: Pater Mossu, Vikar der Kathedrale von Versailles und ein guter Bekannter von Pater Marie-Dominique Philippe, wurde von seinem Bischof nach Freiburg gesandt, um dort sein Doktorat in Theologie zu erlangen. Sowohl um unsere Quartierkosten zu senken als auch zur Vereinfachung unseres Studien – und Gebetslebens beschlossen wir, zusammenzuziehen und uns um Pater Mossu zu sammeln.

Bei unserer Suche nach einem geeigneten Rahmen für unser Leben folgten wir während dieser Jahre Pater Mossu (heute als Pater Philippe-Marie bekannt und derzeit Prior unseres Hauses in Troussure).

Kurze Zeit später fanden wir das „Pensionat von Pater Girard“, das allen unseren Bedürfnissen entsprach. Dazu wurde uns noch Schwester Marie-Madeleine aus dem Kloster der Heimsuchung zur Seite gestellt, die nicht nur unsere Köchin, sondern unser aller „Mutter“ war.

Nach unserer Rückkehr aus den Sommerferien entdeckten wir alle von neuem die Persönlichkeit von Pater Mossu, der uns aufgrund seiner Erscheinung, seines Eifers und seiner Studien beeindruckte. Nur mit einigen Schwierigkeiten konnte er in den folgenden Jahren unseren wenig disziplinierten studentischen Lebensstil akzeptieren. Und in der Tat bedurfte es einiger Zeit, um den Übergang von unserem (manchmal sogar frommen) Studentenleben zum gemeinschaftlichen Ordensleben zu finden. Keiner von uns dachte damals daran, dass wir jemals miteinander eine Ordensgemeinschaft bilden könnten. Wir wählten dieses gemeinsame Leben nur, um unser Studentenleben zu vereinfachen und um uns gegenseitig in der Antwort auf unsere Berufung zu unterstützen. Jeden Morgen nach dem stillen Gebet, den Laudes und der Heiligen Messe brachen wir gemeinsam zur Universität auf, kehrten zu Mittag für eine kurze Mahlzeit zurück, um dann bis zum Abend wieder an der Universität zu bleiben. Den Tag beendeten wir gemeinsam mit dem stillen Gebet, der Vesper und dem Abendessen.

Wir alle begeisterten uns sehr für Pater Marie-Dominique Philippe und seinen Unterricht. Er gab nicht nur eine Vielzahl von Vorlesungen und Kursen an der Universität, sondern er begann uns auch jede Woche in unserem Haus zu besuchen.

Am Ende des ersten Trimesters beschlossen wir, Pater Marie – Dominique Philippe zu seinen Exerzitien, die er für die Mönche der Zisterzienserabtei von Lérins predigte, zu begleiten. Wir wollten diese Zeit auch zur Entspannung nützen. Dort erlebten wir sehr beeindruckende Exerzitien, die die Mönche mit ihrer Weihe an Maria am 8. Dezember beenden wollten. Dank der Bemühung von Pater Philippe-Marie beschlossen wir unter uns Studenten ein Treffen in der kleinen Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, um unsere Gruppe der Jungfrau Maria anzuvertrauen. Wir alle waren von der darauf folgenden Zeremonie tief berührt, wobei wir Maria die Zukunft jedes einzelnen von uns anvertrauten und ihr das volle Recht überließen, über uns nach ihrem Wohlgefallen zu walten

(gemäß dem Weiheakt des heiligen Ludwig Maria Grignon von Monfort an die heiligen Jungfrau Maria).

Kurze Zeit später entdeckten wir, dass Papst Paul VI. am selben Tag das Apostolische Schreiben „Evangelii nuntiandi“ veröffentlichte.

Die ersten Schritte der zukünftigen St. Johannesgemeinschaft waren von diesem Schreiben stark geprägt, nicht zuletzt dank Pater Philippe-Marie, der uns dieses päpstliche Dokument ausführlich kommentierte.

Bei unserer alljährlichen Rückkehr am 8. Dezember in das Kloster von Lérins verstanden wir immer mehr, dass unsere Gemeinschaft an diesem Ort geboren wurde. Denn ausgehend von unserem Weiheakt an Maria begann auch die Leitung unserer Gemeinschaft durch Pater Marie-Dominique Philippe.

Da wir uns seit dem Weihetag am 8. Dezember 1975 unter der Führung von Pater Marie- Dominique Philippe vollkommen den Händen Mariens überließen, war es für sie auch möglich, dieses Wunder der St. Johannesgemeinschaft zu wirken.

Wie könnten wir die mütterliche Gegenwart der Jungfrau Maria je vergessen, nachdem wir die Macht ihrer Fürsprache erfahren haben.

Evangelii Nuntiandi

Im Licht der Apostolischen Exhortation „Evangelii Nuntiandi”

Br. Philippe-Marie Mossu

Als wir entdeckten, dass die Exhortation „Evangelii Nuntiandi“ von Paul VI am 8. Dezember 1975 unterzeichnet worden war, überraschte uns das sehr: dies war genau das Datum unserer Weihe an Maria, die wir gemeinsam während eines Aufenthalts in der Abtei von Lerins in Anwesenheit von Pater Marie-Dominique Philippe vollzogen hatten.

Sollten wir darin ein Zeichen sehen? Richtete sich dieser Ruf des Papstes besonders an uns, das Evangelium in einer erneuerten Weise zu verkünden, für die kommenden Jahre, die den Vorabend eines neuen Jahrhunderts, ja sogar den Vorabend des dritten Jahrtausends des Christentums bedeuten? ( Nr 81 )

Und doch standen wir erst ganz am Anfang unseres Gemeinschaftslebens, als diese Exhortation 1976 erschien. Wir waren sechs Studenten, zusammen seit Oktober 1975, und wir hatten keine andere Absicht, als so viel wie möglich vom Schatz des Lichtes zu sammeln, den wir alle im Unterricht von Pater Marie-Dominique Philippe entdeckt hatten. Wir wollten nichts anderes, als unsere ganze Zeit und Energie darin zu investieren, ja unser ganzes Leben, so sehr erfüllte uns dieses Licht mit Freude… inmitten der Traurigkeiten des gewöhnlichen Studiums. Wir hatten ziemlich schnell verstanden, dass dieses Gemeinschaftsleben von uns eine intensive intellektuelle Arbeit, aber auch die Stille und das Gebet verlangte, um eine wahre philosophische und theologische Suche zu erlauben, und sogar das Teilen unserer Güter. Aber, ehrlich gesagt, dachten wir keineswegs ans «Evangelisieren»…

Natürlich stellte uns die Zukunft Fragen: was wird aus uns werden? Wie sollen wir uns in die Kirche eingliedern? Aber zur Stunde waren wir mit anderen Fragen beschäftigt. Denn einige von uns hatten sogar ihren Wunsch, Priester zu werden, ganz aufgegeben, um besser und länger von der Lehre profitieren zu können, die wir in der profunden Ausbildung von Pater Marie-Dominique Philippe fanden.

Gott lenkte … und hatte unsere Weihe in Lerins vom 8. Dezember 1975 nicht zum Ziel, unsere Zukunft in der Kirche in die Hände der Heiligen Jungfrau zu legen und uns mit ihr von nun an gänzlich der Suche nach der Kontemplation zu widmen?

Und doch, wenn Evangelisieren in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche ist, ihre tiefste Identität, – sie existiert, um zu evangelisieren (wie Paul VI bekräftigt ( Nr 14 ) -, mussten wir uns bald die Frage unserer Identität stellen. Wir waren Christen und Glieder der Kirche. Wie also konnte dieses Leben, das wir ganz auf die Suche nach der Wahrheit ausrichten wollten, integriert werden in die Identität der Kirche, in die ihr eigene Berufung der Evangelisation? Welche Beziehung bestand zwischen dem Ruf des Heiligen Vaters in „Evangelii Nuntiandi“ und dem Ruf, den wir alle in uns trugen, nämlich durch die Ausbildung, die uns Pater Marie-Dominique Philippe gab, unser Leben zu gestalten?

Diese Frage verlagerte sich völlig, als uns beim Weiterlesen des Textes des Heiligen Vaters dieser Abschnitt im 15. Kapitel ins Auge sprang: Die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren… Sie hat es immer nötig, evangelisiert zu werden, wenn sie ihre Lebendigkeit, ihren Schwung und ihre Stärke bewahren will, um das Evangelium zu verkünden ( Nr 15 ). Diese doch so einfache Wahrheit wurde das Hauptthema, wenn nicht sogar das einzige Thema zahlreicher Kapitel der damaligen Gemeinschaft; und unermüdlich wurde – die Ohren der armen Brüder am Ende sicher überstrapazierend – wiederholt, was die kleine Tür sein sollte, durch die wir eintreten und dem Ruf des Heiligen Vaters folgen wollten.

Die Heilige Kirche empfing nach 2000 Jahren Christenheit von ihrem gütigen Christus den Ruf, sich durch eine beständige Bekehrung und Erneuerung selbst zu evangelisieren, um die Welt glaubwürdig zu evangelisieren ( Nr 15 ). Sicher, dies war schon der Ruf des Konzils, aber er erschien uns ganz neu und umwerfend, wie die kostbare Perle und der Schatz, die im Feld vergraben sind ( cf. Mt 13, 44-46 ), zweifellos weil er uns betraf und auf unsere Frage antwortete – nämlich der Beziehung unseres Lebens mit der Evangelisierung. Es ging tatsächlich nicht darum zu wissen, ob wir evangelisieren sollten, sondern zuerst darum, ob dieses Leben eine wahre Evangelisierung für uns sein würde?

Wir waren uns dessen schon bewusst, dass die philosophische Arbeit und das Gebetsleben unseren Verstand und unser Herz veränderten. Aber war das das Evangelium?

Glücklicherweise bestärkte Pater Marie-Dominique uns darin, was wir selbst nicht auszusprechen wagten: unser Leben wäre eine wahre Evangelisierung für uns selbst, und vielleicht sogar die wichtigste Form der Evangelisierung für heute, in unserer Zeit der Furcht und Angst , wie Paul VI am Beginn seiner Exhortation sagt (Nr 1). Es war sehr wichtig, diese Bestärkung von Pater Marie-Dominique zu hören, denn unser Leben war damit nicht nur eine freie Wahl unsererseits, sondern eine Antwort auf eine Berufung, die uns ins Herz der Kirche stellte. Wir wurden zu Arbeitern der Evangelisierung ( Kap. 6 ), und der Vater wollte uns als qualifizierte Arbeiter. Paul VI zitiert in seiner Exhortation, was er vorher schon den Kardinälen gesagt hatte: die Verhältnisse der Gesellschaft legen uns allen die Verpflichtung auf, die Methoden zu überprüfen und mit allen Mitteln uns zu bemühen herauszufinden, wie man dem modernen Menschen die christliche Botschaft nahe bringen kann, in der allein er die Antwort auf seine Fragen zu finden vermag und die Kraft für seinen Einsatz zu menschlicher Solidarität. Und der Heilige Vater fügt hinzu: um auf die vom Konzil an uns gerichteten Forderungen eine gültige Antwort zu geben, ist es unbedingt notwendig, uns das überlieferte Glaubensgut vor Augen zu stellen, das die Kirche in seiner unantastbaren Reinheit bewahren, aber auch den Menschen unserer Zeit in einer möglichst verständlichen und überzeugenden Weise darbieten muss ( Nr 3 ).

Pater Marie-Dominique Philippe half uns, diese Öffnung zur Welt, die schon vom Konzil gewünscht war, ins Herz unserer Berufung zu stellen. Das verlangte von uns eine Erneuerung der Sichtweise des Menschen, um besser auf die Fragen antworten zu können, die von den neuen ideologischen Strömungen und der neuen Religiosität ausgehen. Es würde eine neue philosophische und theologische Anstrengung, notwendig machen im Dienste dieses vollständigeren Verständnisses des Menschen, der den neuen Verunsicherungen unterliegt. Sagte nicht der Heilige Vater selbst, dass die Befreiung, die die Evangelisierung ankündigt, nicht auf eine einfache und beschränkte ökonomische, politische, soziale und

kulturelle Dimension beschränkt werden kann, sondern den ganzen Menschen in all seinen Dimensionen sehen muss, einschließlich seiner Öffnung auf das Absolute, das Gott ist. Diese Befreiung ist deshalb an ein bestimmtes Menschenbild gebunden, an eine Lehre vom Menschen, die sie niemals den Erfordernissen irgendeiner Strategie, einer Praxis oder eines kurzfristigen Erfolgs wegen opfern kann. ( Nr 33 )

Unser Weg befand sich also auf dem der Kirche, der, als Antwort auf die Forderung des Konzils, auf die Begegnung mit dem Menschen orientiert war. ( Gaudium et Spes Nr 22 § 2 ). Papst Johannes Paul II bekräftigt in seiner ersten Enzyklika, dass der erste und der fundamentale Weg der Kirche der Mensch ist, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muss: er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt. ( Redemptor Hominis Nr 14 ). Die Öffnung der Kirche zur Welt war also nichts anderes als der Ausdruck dieser großen Liebe Gottes zur Welt, in die er seinen einzigen Sohn gesandt hat, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten ( cf Joh 3, 14-15 ).

Dieser einzige Sohn, der weiß, was im Menschen ist (Joh 2, 25) sendet weiterhin Menschen in seiner Nachfolge in die Welt, die verstehen sollen, was im Menschen ist, um die Botschaft des Evangeliums in eine Sprache zu übersetzen, die die Menschen verstehen, ohne den geringsten Verrat an seiner wesentlichen Wahrheit. ( cf. Ev. Nunt.

Nr 63 ). Und es ist der Heilige Geist, der Motor der Evangelisierung ist … der die Heilsbotschaft in den Tiefen des Bewusstseins annehmen und verstehen lässt. ( Nr 75 ). Aus diesem Grund rechtfertigt sich die ernsthaft angeeignete Qualifikation der Arbeiter der Evangelisierung, nicht nur durch die unumgängliche „Anpassung“ an die Welt unserer Zeit, sondern auch durch die Notwendigkeit, aus diesen Arbeitern Instrumente zu formen, die dem Heiligen Geist gefügig sind.

Diese ernsthafte Qualifikation muss auch mit einer Ganzhingabe an den Heiligen Geist verbunden sein – ohne den jede Vorbereitung des Arbeiters vergeblich ist – , um sich von ihm besitzen und führen zu lassen ( Nr 75 ), damit neue Zeiten der Evangelisation anbrechen können innerhalb einer Kirche, die noch tiefer verwurzelt ist in der unvergänglichen Stärke und Macht des Pfingstgeheimnisses ( Nr 2 ).

Es ist übrigens auch bemerkenswert und unerwartet, dass Papst Paul VI als Haupthindernis für eine Evangelisierung nicht die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Arbeiter sieht, sondern nur ihren Mangel an Eifer: Von diesen Hindernissen, die sich auch in unserer Zeit stellen, wollen wir hier jedoch nur eines hervorheben, nämlich den Mangel an Eifer, der um so schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Er zeigt sich in der Müdigkeit, in der Enttäuschung, der Bequemlichkeit und vor allem im Mangel an Freude und Hoffnung. Wir ermahnen deshalb alle diejenigen, die auf irgendeine Weise und auf welcher Ebene auch immer mit der Evangelisierung beauftragt sind, gerade den geistlichen Eifer zu fördern (cf Rm 12,11) (Nr 80).

Man könnte fast glauben, unseren Pater Marie-Dominique zu hören, wenn er uns an die Zurechtweisungen Jesu in der Apokalypse erinnert, und besonders an die der Gemeinde von Ephesus : Ich werfe dir vor, dass du deinen Eifer und deine erste Liebe verlassen hast ( Offb 2,4 ).

Es handelt sich also nicht zunächst um die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Arbeiter der Evangelisierung, die am meisten gefürchtet werden musste, sondern um ihren Mangel an Eifer. Dieser kommt oft von der Verdächtigung, eine Wahrheit aufzuerlegen, und sei es die des Evangeliums, einen Weg aufzudrängen, sei es der zum Heile, sei nichts anderes als eine Vergewaltigung der religiösen Freiheit. Im übrigen, so fügt man hinzu, wozu überhaupt das Evangelium verkünden, wo doch die Menschen durch die Rechtschaffenheit des Herzens zum Heil gelangen können. Außerdem weiß man doch, dass die Welt und die Geschichte erfüllt sind von „semina Verbi“: wäre es da nicht eine Illusion zu behaupten, das Evangelium dorthin zu bringen, wo es schon immer in diesen Samenkörnern anwesend ist, die der Herr selbst dort gesät hat? ( Nr 80 ) Sicherlich wäre es ein Irrtum, irgendetwas, was immer es auch sei, dem Gewissen unserer Brüder aufzunötigen. ( Nr 80). Aber darum geht es nicht in der Evangelisierung. Es geht um das Recht der Menschen… die Verkündigung der Frohen Botschaft des Heils zu empfangen… ( Nr 80 ), weil hier die ganze Wahrheit ihres menschlichen Lebens auf dem Spiel steht, die keine Kultur vorgeben kann zu bewahren außer durch die Verkündigung der christlichen Offenbarung in voller Klarheit und gleichzeitig im Respekt der freien Meinungen ( Nr 80 ).

Darum schien diese apostolische Ermahnung nicht nur Papst Paul VI grundlegend ( cf Nr 5 ), sondern auch seinen Nachfolgern. Papst Johannes Paul II zitierte sie oft, und von seiner ersten Enzyklika an sieht er sie als Dokument, welches mit so großer Freude als Programm der Erneuerung im Bereich des Apostolates und zugleich der Pastoral aufgenommen worden ist. ( Redemptor Hominis Nr 5 ). Sie sei grundlegend, sagt Paul VI, denn die Verkündigung des Evangeliums ist für die Kirche nicht etwa ein Werk, das in ihrem Belieben stünde. Es ist ihre Pflicht, die ihr durch den Auftrag des Herrn Jesus Christus obliegt, damit die Menschen glauben und gerettet werden können. In der Tat, diese Botschaft ist notwendig. Sie ist einzigartig. Sie kann nicht ersetzt werden. Sie erlaubt weder Gleichgültigkeit noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen. Es geht hierbei nämlich um das Heil des Menschen. Sie stellt die Schönheit der Offenbarung dar. Sie bietet eine Weisheit, die nicht von dieser Welt ist. Sie ist imstande, durch sich selbst den Glauben zu wecken, einen Glauben, der auf der Macht Gottes gründet. ( cf 1 Kor 2,5 ). Sie ist die Wahrheit. Sie verdient es, dass der Glaubensbote ihr seine ganze Zeit und alle seine Kräfte widmet und, falls notwendig, für sie auch sein eigenes Leben opfert.

Bewahren wir also das Feuer des Geistes. Hegen wir die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn wir unter Tränen säen sollten, sagt uns Paul VI…es sei die große Freude unseres als Opfer dargebrachten Lebens. Die Welt von heute… möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben und die entschlossen sind, ihr Leben einzusetzen, damit das Reich Gottes verkündet und die Kirche in das Herz der Welt eingepflanzt werde. (Nr 80)

Unsere Berufung als Brüder vom Hl. Johannes ist es, solche Verkünder zu sein, die nicht nur gänzlich auf den Dialog mit dem heutigen Menschen eingestellt und der Überlieferung der Kirche vollkommen treu sind, sondern auch und vor allem Zeugen dieses Eifers des Geistes und der Freude Christi sind. Nach seinem Beispiel sollten wir in unserem eigenen Leben Zeugen des Evangeliums werden, das uns für die Seligpreisungen öffnet. Sie machen uns arm, damit wir nicht bei uns selbst stehen bleiben, sie machen uns aber auch reich an christlicher Weisheit, die nicht anders kann als jeden Menschen guten Willens anzuziehen. Diese verborgene Kraftquelle der Frohbotschaft für uns zu empfangen, die fähig ist, das Gewissen des Menschen tief aufzurütteln (4), ist die notwendige Bedingung unseres apostolischen Lebens, der Beginn jeder glaubwürdigen Evangelisierung. Paul VI sagt, dass es sich

im christlichen Lebenszeugnis schon um eine Anfangsstufe der Evangelisierung handelt (Nr 21), und mehr denn je ist das Lebenszeugnis eine wesentliche Bedingung für die Tiefenwirkung der Predigt geworden (Nr 76). Und er fügt hinzu : Es ist unabdingbar, dass unser Verkündigungseifer aus einer echten Heiligkeit unseres Lebens kommt, die aus dem Gebet und vor allem aus der Eucharistie Kraft und Stärkung erhält, und dass – wie uns das Zweite Vatikanische Konzil ans Herz legt – die Predigt ihrerseits den Prediger zu größerer Heiligkeit führt. (Nr 76)

Die Aktualität dieser Apostolischen Exhortation ging weit über den Anlass der Synode der Bischöfe von 1974 zum Thema der Evangelisierung hinaus. Wir wollten, dass unsere Lebensregel dieses Licht erhalte, das uns in der Suche nach einem erfüllten Leben gemäß dem Evangelium in der Nachfolge Christi führt und uns ständig daran erinnert, dass das geweihte Leben unsere erste Evangelisierung ist, die uns zu Zeugen einer Wahrheit macht, die befreit ( cf Joh. 8,32 ) und die allein den Frieden des Herzens gibt (Nr 78).

Dies ist eine schwierige Wahrheit, sagt Paul VI (Nr 78), die größer als unser Menschenherz und doch so menschlich ist, menschlicher noch als das Herz des Menschen. In dieser Wahrheit würde unser persönliches und gemeinschaftliches Leben ein offenes Buch sein, ein lebendiges Evangelium, wo man ein wenig von der ewigen Jugend einer Kirche lesen könnte, die sich selbst evangelisiert, bis Er wiederkommt …