Fragen an P. Philippe
Was ist das Gebet?
Jeder Mensch, der ein bisschen begreift, wer Gott ist, betet ihn an und vertraut ihm seine Schwierigkeiten an, seine Wünsche, die Tiefe seines Herzens, die man oft nicht in Worte fassen kann, wie das Seufzen des Hl. Geistes (vgl. Röm 8, 26). Alle Menschen gehören zu einer Familie und haben denselben Vater, der „seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten“ (Mt 5, 45).
Was macht das Gebet zu einem christlichen Gebet?
Jesus sagt uns: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet“ (Mt 7, 7). Er will, dass wir in unserem Herzen unablässig beten für alles, was unser Leben betrifft. Wir sollen ihm alles hinlegen und beständig seine Hilfe erbitten, denn er selbst hat gesagt: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15, 5). Das Gebet soll unser christliches Leben begleiten und umfangen, damit Jesus in uns gegenwärtig bleibt.
Jesus selbst gibt uns das zu verstehen, als seine Jünger ihn fragen, wie sie beten sollen: Er betet das „Vater unser“, das ist sehr ausdrucksstark. Er lehrt sie nicht nur „Vater“ sagen, sondern „Vater unser“ (Mt 6, 9). Jesus will also, dass wir mit ihm zusammen zu Gott blicken. Wir können nicht ohne ihn beten, wie ein kleines Kind nicht ohne seine Mutter beten kann, die ihm hilft, vor Gott zu treten. Wir erleben die Gegenwart Gottes im Glauben, in der Hoffnung und vor allem in der Liebe.
Was für eine Rolle spielt die Liturgie?
Das liturgische Gebet der Gemeinschaft ist einerseits der monastischen Liturgie sehr ähnlich. Andererseits ist es vereinfacht wegen den Anforderungen des apostolischen Lebens, bzw. in den Ausbildungshäusern wegen des Philosophie- und Theologiestudiums. Es soll genug Zeit für das gemeinsame stille Gebet bleiben.
Das Gebetsleben der Brüder ist auf die Eucharistie ausgerichtet, „in der die Liebe Gottes sich in Stille jedem und allen schenkt“ (Lebensregel). Im Glauben und in glühender Liebe möchten sie aus der Eucharistie leben.
Die Brüder bemühen sich um eine schlichte und schöne Liturgie, in der sich die demütige und arme Gegenwart Christi manifestieren kann.
Was ist das „Stille Gebet“?
Jedes christliche Gebet ist ein Erheben der Seele zu Jesus, der uns zu sich zieht. Das kann in ganz unterschiedlicher Weise geschehen, vom einfachen Bittgebet bis zur glühenden Sehnsucht danach, dass die Liebe Christi unser Herz ganz in Besitz nehmen möge. Ich glaube, der Durstschrei Jesu (Joh 19, 28) zeigt uns dieses tiefste Gebet des menschlichen Herzens, das zu seinem Vater, zu seiner Quelle kommen will.
Neben dem Bittgebet gibt es natürlich das Lob- und Dankgebet.
Und es gibt das ganz innerliche Gebet des Freundes, der seinen Freund trifft und ihm seine Geheimnisse, seine Leiden und Schwierigkeiten anvertraut. In absolutem Vertrauen akzeptiert und erwartet er alles von dem, der mehr ist, als ein Freund, der die Quelle von allem ist. Dieses innere Gebet, diesen direkten Kontakt der Seele mit Jesus nennen wir „Stilles Gebet“.
Der hl. Thomas von Aquin bezeichnet das stille Gebet „Hochzeit der Seele mit Jesus“. Es ist eine große Vertrautheit mit dem Freund, der uns erwählt hat; eine Antwort auf seinen Ruf, auf seine Liebe.
So wird das Gebet – im Glauben – zum Ort der Liebe und der Freundschaft zum Herzen Christi. Unser Herz möchte aus dem Herzen Christi leben, aus seiner Liebe zum Vater, zum Hl. Geist, zu Maria und zu all jenen, die uns durch Gottes Vorsehung nahe sind.
Wo ordnen Sie das Gebet des Ordenschristen ein?
Wer sich ganz Gott geweiht hat, übt ein tiefes inneres Gebet. Aber das ist nicht für den Mönch reserviert: Christen in der Welt leben auch aus dem inneren Gebet, manchmal sogar mehr als manche Mönche. Die Gebetsweisen hängen keineswegs vom unterschiedlichen Lebensstand der Laien und der Ordensleute ab. Je mehr sich das göttliche Leben – Glaube, Hoffnung und Liebe – in uns entwickelt, umso innerlicher werden wir, weil wir immer mehr in der Gegenwart Jesu leben. Echtes Gebet bedeutet, das Herz Jesu zu entdecken, bei ihm zu bleiben und aus ihm zu leben.
Eine Ordensgemeinschaft lebt auch aus dem liturgischen Gebet, dem Lobpreis der Psalmen, welche die Mönche regelmäßig singen. Sie bringen so die ganze Menschheit zu Jesus, damit sie sich Gott, ihrem Vater und Erlöser nähert und ihn öffentlich anerkennt.
Wie sieht das Gebet der Johannesbrüder und –schwestern aus?
Sie bitten den hl. Johannes, ihr Vater zu sein, weil sie ganz treu in der Liebe sein wollen, wie Johannes es uns in seinem Evangelium zeigt: Während des Abendmahls nimmt Jesus Johannes ganz nah zu sich (vgl. Joh 13, 23). Johannes kann in großer Vertrautheit seinen Kopf an Jesu Brust, an sein Herz legen.
Die Vertrautheit mit Christus hebt uns ein bisschen heraus aus der Zeit: Im Gebet berühren wir die ewige Liebe des Sohnes zum Vater.
