22. August 1994, Fest Maria Königin:
drei junge “Mönche” kommen aus Frankreich mit einem alten VW-Polo in Marchegg an: Bruder Etienne, Bernhard-Maria und Marie-Pierre.
Ersterer wird Prior sein … für 6 Jahre, der zweite Pfarrer von Marchegg … für 8 Jahre und der dritte – noch in Ausbildung – wird nur ein Jahr bleiben.
Ein lokaler Augenzeuge hält fest:
Die Drei von der Tankstelle
Wahrscheinlich ist mir damals Ähnliches durch den Kopf geschossen, als ich sie so vor dem Rathaus stehen sah, in der Stunde null mönchischer Zeitrechnung Marchegger Art – drei Mausgraue, etwas desorientiert und hilflos wirkend. Vielleicht war es aber auch der Filmtitel “Drei Himmelhunde auf dem Weg…” – so genau weiß ich es nicht mehr. Was sich aber unauslöschlich eingebrannt hat, ist nicht nur dieses Stehbild, sondern vielmehr jene Energie und Entschlossenheit, die das etwas antiquiert gekleidet wirkende Terzett ausstrahlte. Dieser Faszination konnte und wollte ich mich nicht mehr entziehen und damit stand fest: “Denen musst du helfen!”
Und die Geschichte begann, trotz sprachlicher Bocksprünge inmitten einer französischen Zweidrittelgesellschaft, wobei der Österreichanteil aus dem Ländle rein sprachlich anfangs auch eher als exotisch denn heimisch empfunden wurde.
Sehr schnell war klar, dass als Chef der Runde “der Lange” (P. Etienne), als neuer Pfarrer das “junge Bürscherl”(P. Bernhard-Maria) und als “Mädchen für alles” der “stumme Lächler” (Br. Marie-Pierre) bestimmt worden waren.
Ja, und der Bau der Tankstelle (=Hauskapelle) ging flott voran, sehr zum Staunen vieler Marchegger, die für so eine rege Tätigkeit im Pfarrhof keine plausible Erklärung finden konnten. Bei diesem architektonischen Probelauf – wahrscheinlich schwebte dem Prior schon damals der Bau eines Klosters vor – tat sich besonders Br. Marie-Pierre hervor. Seine – rein französisch formulierten! – Arbeitsaufträge waren anscheinend so klar, dass sich auch zufällig Vorbeikommende ihrer nicht entziehen konnten! Frauen im Sonntagskleid beim Holzschleifen, Männer ohne Abendessen nächtens beim Wände streichen – das Apostolat der Brüder begann bereits zu greifen!
Fels in der Brandung des skeptischen Bürgermeeres war natürlich Pater Etienne, der mit entwaffnendem Humor aber doch sehr bestimmt allen Angriffen und Querelen trotzte. Seine Führungsqualitäten stellte er aber auch innerhalb seiner Ordensgemeinschaft unter Beweis: Immer dann, wenn bei einem kleinen Fest die Stimmung zu ausgelassen werden drohte, stimmte er einfach das “Salve Regina” an – damit war das unmissverständliche Zeichen gegeben, dass Brüder und Gäste das Weite zu suchen hatten!
Mittlerweile waren auch seine Sinne für die Marchfelder Mundart besser geschärft, was unsere nächtlichen Arbeitsgespräche wesentlich vereinfachte und auflockerte. Die Aufforderung “Erhebet die Kerzen” bei einer seiner ersten Messen stiftete zwar kurzfristig etwas Verwirrung, französische Lehnwörter wie “Autobüs” o.Ä. hörte man aber zusehends seltener. Sein anfängliches Mitwirken beim örtlichen Volleyballverein war leider nur von kurzer Dauer – die teilweise deftigen Wortspenden seiner Mitspieler ließen ihn am Perfektionieren der deutschen Sprache eher zweifeln.
Eindeutig standfester und ausdauernder war in dieser Hinsicht Pater Bernhard-Maria, wie er sich überhaupt im Laufe der Zeit zu einem sehr volksverbundenen und allseits akzeptierten
Pfarrer entwickelte – was nur er selbst nicht ganz glauben wollte. Nach seinem glockenhellen “Halleluja” bei seinem ersten Auftritt in unserer Kirche war allen anwesenden Sangesbrüdern klar: “Den brauch ma”! Gesagt, getan – zu unser aller Überraschung kam er auch wirklich – und er blieb bis zum Tag seiner Abreise! Sein zarter, aber doch dominanter Tenor war mitverantwortlich für die chorischen Höhenflüge des MGV in dieser Zeit.
Legendär seine Vorbereitung zur 1. Chorprobe, die er uns nach Jahren eingestand: Um sich für das erwartete Trinkgelage zu wappnen, schluckte er – wahrscheinlich unter Anrufung aller Heiligen – 1/8 l Speiseöl! Wie groß sein Erstaunen, dass dies vollkommen unnötig gewesen war. Wahrscheinlich muss auch ein Mönch manchmal vom Baum der Erkenntnis kosten: Eine vorbeugende Maßnahme kann auch nach hinten losgehen!
Drei “Tankwarte”, wie unterschiedlicher sie nicht sein könnten – aber oscarverdächtig allemal!
Etienne, der Charismatische, ein Sportlertyp mit musikalischen Ambitionen, Organisator und anerkannte Autorität, immer neue Herausforderungen suchend, kunstbeflissener Ästhet mit leichtem Hang zum Unfug, malariainfizierte Frohnatur!
Bernhard-Maria, etwas filigrane Erscheinung aber doch auch sehr resolut agierend, Mönch aus Überzeugung – Pfarrer durch Bestimmung, akribischer Planer, grandiose kabarettistische Begabung, begnadeter Sänger – was nur seinem Prior lange verborgen blieb!
Marie-Pierre, Sprachwunder aus Frankreich, der seinen deutschen Wortschatz nach 1 Jahr um fast null Prozent steigern konnte, technisch-handwerklich steckte er seine Mitbrüder “mit links” in die Tasche, Weltrekordhalter im Dauerbeten des “Ave Maria”!
Aber zurück zur “Tankstelle”! Wenn heute das Kloster schon zu einer Marchegger Selbstverständlichkeit geworden ist, wenn im Straßenbild wandelnde graue Kutten höchstens noch mit einem (meist unrichtigen) “De Pfoarran gengan Gölsn fiadan!” quittiert werden, dann sollten wir den Ursprung, die Träger dieser Entwicklung, die geistigen Säulen der Anfangszeit nicht ganz vergessen! War die “Arbeitsbiene” B. Marie-Pierre zwar nur im ersten Jahr hier tätig aber damit ungemein wichtig, haben die beiden anderen Brüder über Jahre den Aufbau der Ordensniederlassung und die Entwicklung der Pfarre Marchegg entscheidend beeinflusst und gestaltet. Besonders diesen beiden hat unser Dank zu gelten! Viele von uns erfuhren eine Neuorientierung oder Bereicherung des Glaubenslebens, und ein wenig sind wir auch stolz, dass uns andere um die Brüder beneiden. Persönlich danken möchte ich P. Etienne und P. Bernhard-Maria aber nicht nur für ihre apostolische Pionierarbeit und die Grundsteinlegung zu einem geistigen und geistlichen Zentrum in unserer Gemeinde, sondern vor allem auch für die großartige Freundschaft, die ich mit beiden erleben durfte!
Gottes Segen für euer derzeitiges und künftiges Wirken und seid versichert – wir alle freuen uns schon auf ein Wiedersehen! (Text: Franz Hubek)