Störche

 

 

 

 

 

Nur wenige Schritte vom Kloster der Brüder entfernt – gleich hinter dem Schlosspark – befindet sich Europas größte Baumkolonie der Störche.

Ein Geschenk! Wir sind dankbar, diese Wunderwelt Gottes vor Augen zu haben (wenn sie nicht gerade nach Afrika verreist sind)

Außerdem sind die Störche uns ein Trostpflaster während der Sommerplagen der “Gelsen” (wie rechts unten auf dem Buch erahnt werden kann): denn die Störche leben von den Fröschen und diese wiederum von den Insekten…

Die Symbolik des Storches

In der hebräischen Bibel heißt er (weiblich) “chasidah” (= die Fromme, Liebreiche). Wegen der Zweifarbigkeit seines Gefieders galt er später als Symbol für die “zwei Naturen” Christi (Göttlichkeit und Menschlichkeit); sein Wegzug und seine Wiederkehr als Zugvogel sind Sinnbild für Himmelfahrt und Wiederkunft Christi; als Vorbild gelten seine Wachsamkeit (lässt Nest nie unbewacht) und seine Elternliebe. (aus Karl Veitschegger: Tiersymbolik in Bibel und christlicher Tradition)

Storch

Storch

Zurück zum Seitenanfang

 

 

Wenn Störche sprechen könnten…

Wer an einem sonnigen Sonntag Nachmittag von Wien nach Bratislava entlang der Donau wandert oder radelt, kommt an der berühmten Storchenstadt vorbei. Am Stadtrand begegnet der Neuankömmling dieser Inschrift: Marchegg, Storchenstadt.

Was heißt es, wenn unsere Stadt sich mit dem Zeichen, mit dem Symbol des Storches identifiziert? Das Wort Symbol bedeutet die Zusammenstellung von zwei Gegenstände die sich gegenseitig bestimmen. Gut, also: Der Mensch bestimmt den Storch, wie etwa beim Storchenfest, wo er den Störchen seine Liebe durch viele Mehlspeise und ein wenig Lärm kundtut. Wie bestimmt aber der Storch den Menschen, der in seiner unmittelbaren Nähe wohnt? Anders (theologischer) gesagt, was sagt der Storch über den Marchegger, über den Marchfelder Menschen und überhaupt über den Menschen aus?

Der Storch durchstreift die Geschichte

Der Storch ist nicht nützlich wie das Huhn, nicht edel wie der Adler, nicht schnell wie der Falke, nicht lieb wie der Spatz, nicht aussagekräftig in seine Farben wie das Rotkehlchen. Und doch ist er in der vorchristlichen Antike einer der beliebtesten Vögel: „Die Ägypter verehren die Störche, berichtet der lateinische Schriftsteller Elien (2. Jh nach Christus), „weil sie ihre Eltern ernähren, wenn sie alt geworden sind, und sie umsorgen sie.“[1] Das tun die Störche. Und tun dies auch die Menschen?

Die griechische Mythologie ergriff das ägyptische Symbol des Storches und entfaltete es weiter: „Antigon, die Schwester Priams, der letzte König von Trojan, war über ihre eigene Schönheit stolz. Sie hielt sich der Göttin Hera gleich; um sie von einem solchen Hochmut zu bestrafen, wandelte die empörte Göttin ihre Haare in Schlangen. Von ihren Bissen gequält wandte sich Antigon den Göttern zu, die sich ihrer erbarmten, und sie in einen Storch verwandelten. Seitdem kämpfte dieser Vogel rachesüchtig gegen die Schlange. All die edlen Zügen Antigons, die bräutliche und mütterliche Liebe, die Ehre zu den Eltern, die Güte, die Mäßigkeit, entfalteten sich in diesem Vogel so weit, dass er zum Symbol dieser Tugenden wurde.“[2] Wunderbar, dass ein Tier so tugendhaft dargestellt wird. Und wie tugendhaft lebt der Mensch, der Beispiel an diesem edlen Tier nimmt?

Der lateinische Autor Plinius der Ältere (23-79 nach Christus) berichtet, dass die Todesstrafe in Thessalien (Mittelgriechenland) gegen einem Menschen ausgesprochen wurde, der einen Storch getötet hatte, weil der Storch so nützlich gegen die Schlangen war. Damals wurde der Mensch wegen eines Verbrechens zu einem Tier zum Tode verurteilt. Und wenn heutzutage der Mensch einen anderen Menschen tötet, sei es in einem verantwortungslosen Verkehrsunfall oder im Mutterleib, wird der postmoderne Mensch wie damals in der Antike in derselben Art und Weise zur Rechenschaft gezogen?

 

Die Flügelfarben des Storches

In der Bibel kommt der Storch selten vor, insgesamt sechsmal, zugleich als kluges[3] und mahnendes Tier. Daher vielleicht die zwei Farben seiner Flügel, weiß wie der makellose Schnee, schwarz wie die Nacht, ein Abbild des Herzens des Menschen. Der französische Falbelerzähler Jean de La Fontaine (1621-1695) stellt zweimal den Storch in seinen Fabeln dar, und zwar mit klugen Tieren, der Fuchs und der Wolf, deren ein etwas naives Pendant der Storch bietet, wie in der Fabel „Der Wolf und der Storch“:

Die Wölfe fressen voll Gier
Und einer stopfte seinen Magen
Mit solcher Hast, das dumme Tier,
beinahe ging’s ihm an den Kragen,
denn tief im Rachen steckte ein großes Knochenstück.

Schon kann er nicht mehr schreien, da sieht zu seinem Glück
Er einen Storch vorbeispazieren.
Ein Wink – Meister Storch kommt gesprungen
Und macht sich gleich daran, den Wolf zu operieren.[4]

Siehe, wie unvorsichtig der Storch mit dem Wolf umgeht, der ihn verschlingen möchte, Siehe, wie unvorsichtig der Mensch mit dem Menschen umgeht, der ihn in seine Schlinge gefangen hält. Möge diese Fabel dem klugen Menschen zunutze sein.

Soll der Storch nach dem Weißen in sich leben, mit den Flügeln weit ausgebreitet, die ihn durch Höhen und Tiefen tragen, wie der Prophet Zacharia es berichtet[5], oder nach dem Schwarzen, das ihm eine abwegige Richtung weist, weil die schwarzen Flügel die Richtungsbestimmenden Flügel sind? Vielleicht hängt diese Frage von der Endbestimmung des Fluges ab, die jeder Storch für sich festlegen soll, ob der Flug nicht zu gefährlich ist, ob er es schaffen wird, über das breite Meer zu fliegen, dorthin wo er einen festen Boden unter seine zarten Füße finden kann.

Der Storch ist ein Vogel, der voll im Trend liegt.

Die Vorliebe des Storches zum Fernreisen ist nicht leicht zu deuten. Der Storch liebt den Wechsel, den warmen und milden Winter im Südafrika, und den Rest des Jahres im wohlhabenden Europa, wo er übersatt gefüttert wird. Er sucht sich im Weltdorf überall das aus, was ihm gefällt, und fliegt davon weg, wenn es kalt und dürr wird. Der Storch nimmt eine mühevolle und lange Reise auf sich, um den Winter nicht durchstehen zu müssen. Er wird als Zugvogel bezeichnet, was ein zweifaches bedeuten kann: zuckt er zusammen, wenn eine Schwierigkeit ihm widerfährt, oder zieht er in ein fernes Land, zieht er im Winter um, und weg wenn die Umstände ihm nicht passen?

Positiv gesehen sagt der Prophet Jeremia: „Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein“ (Jer 8,7). Er gilt da als kluges Tier, das seine Zukunft plant; mehr noch, sein jährliches Umziehen, seine Pilgerfahrt wird von den Einwohnern der Türkei, Kleinasiens und Arabien als Symbol des Religiösen interpretiert, als derjenige, der jährlich nach Mekka geht. Der Storch pilgert also zu den heiligen Stätten… Und was tut der Mensch?

Trotz seiner großen Klappe kann der Storch nicht singen

Alle anderen Vögel können singen, es können sogar Papageien sprechen. Allein der Storch kann nicht singen. Er hat an der Schönheit der Natur, an dem Lob der Schöpfung keinen Anteil. Er bleibt der Stumme, der Außenseiter. Er klappert nur mit seinem langen unästhetischen Schnabel, ein scheinbar unnütziges Geräusch, den er nach seiner Ankunft ins Nest und während der Balz von sich her gibt, wo jeder aus der Nachbarschaft ihn doch schon bemerkt hat.

Mit seinem weiten Flug ähnelt der Storch dem Adler; nur ist er viel langsamer als der Adler, sieht weniger weit, imponiert die anderen Vögel weniger. Nicht nur Marchegg wird beim zweiten Blick geliebt, sondern auch der Storch, der als etwas plumper Vogel bezeichnet werden kann. Er ist kein Vorzugsvogel, ein zweitrangiger Vogel, durch seine ökologische Hilflosigkeit beliebt. Der Storch kann heutzutage nur dort überleben, wo der Mensch ihn schützt. Kann der Mensch überleben, ohne dass ein Größerer ihn schützt?

Beim Storch fragt sich der Unbelehrte, was die Natur als erstes hervorbrach: die langen Beine, die den Schnabel verursachten, damit der Storch zu seinem Essen kommt ohne sich zu bücken; oder der Schnabel, der die langen Beine hervorbrachte, damit der Storch in wenig tiefen Wassern die kleinen Fische und Frösche sehe. Ungelöst bleibt die Frage, eines ist aber sicher: Schnabel und Beine müssen zusammenarbeiten, Worte und Handeln sind für seinen großen Bruder den Menschen unzertrennbar: je weiter der Mensch gehen will, desto sinnvoller soll er sich ernähren und vielleicht auch davon mit seiner Klappe Zeugnis geben.

Wer ist der Storch?

Zwiespältige Gestalt, dunkel und hell zugleich, große unelegante Beine, scheinbar unsicherer Schritt beim Gehen, große Klappe: der Storch scheint dem Augenschein nach dem Menschen sehr ähnlich zu sein… Was bleibt also von der symbolischen Bedeutung des Storches für unsere Stadt? Er ist ein wunderbares Mahnzeichen des Sinnes des Lebens.

Zum einen : Weltberühmt ist der Storch, weil er die frohe Botschaft der Geburt eines Kindes verkündet. Entstanden ist die Geschichte in der Zwischenkriegszeit aus Marchegg, sagen manche stolze Stadtbewohner, wo das einzige Storchennest, das auf einem Haus aufgestellt war, auf dem Haus der Hebamme thronte. Von da aus ging der Storch in die weite Welt, um die Freude der Geburt eine Menschen zu verkünden. Im II. Weltkrieg wurde das Haus bombardiert, es steht heute anstelle des Storchenhauses die Leichenhalle der Pfarrkirche Marchegg als Trauerzeichen für diese dunkle Zeit.

Noch ein weiteres dazu: die Sagen erzählen, dass die Hexen des Donautales in ihren Riten eine Pfeife benutzten, die aus dem linken Oberschenkelknochen eines Storches entnommen war. Aus dieser Pfeife brachten sie einen mysteriösen sich wiederholenden Ton hervor, der Geister beschwörte.

Zum anderen: Der Storch ist eine Art Bote der Liebe. Der heilige Franz von Sales hatte eine Vorliebe zur Natur und zu vielen Tieren. In seinem Buch Die Gottesliebe stellt er den Storch in einem seiner schönsten Zügen dar: „Die Störche versinnbilden gut die gegenseitige Liebe von Eltern und Kindern. Da sie Wandervögel sind, tragen sie auf ihrem Flug die alten Eltern, so wie sie, als sie klein waren, auf dem Flug von den Eltern getragen waren.“[6]

Wir sind keine Störche, sondern Menschen. Doch können wir an den Störchen vieles lernen, ob wir uns nach dem Guten ausstrecken wollen, das uns lang und weit tragen wird, oder nach dem Bösen, das uns zum Abstürzen verführen wird. Wenn die Griechen glaubten, dass die alten Störche sich auf die Insel des Ozeans niederliessen, um sich in Menschen zu verwandeln, könnten wir einen Augenblick davon träumen, dass wir uns in das Marchfeld niedergelassen haben, um uns in Störche zu verwandeln, die Boten der Majestät der Natur und des Schöpfers sein möchten.

“BergPredigt” am Fest des Priorates Marchegg,  am 21. September 2004,  Bruder Denis Borel

Quellen:

[1] Louis Charbonneau-Lassay, Le bestiaire du Christ, Archè, Milano, 1940, 599.
[2] Ebd.
[3] „Die Bäume des Herrn trinken sich satt, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat. In ihnen bauen die Vögel ihr Nest, auf den Zypressen nistet der Storch“, Ps 104,17.
[4] La Fontaine, Hundert Fabeln, Manesse, Zürich, 1965, 173.
[5] Za 5,9: „Als ich aufblickte und sah, da traten zwei Frauen hervor, und ein Wind füllte ihre Flügel – sie hatten nämlich Flügel wie Storchenflügel –, und sie trugen das Faß zwischen Himmel und erde.“
[6] Gottesliebe II, Franz-Sales Verlag, Eichstätt, 1990, 68.

Zurück zum Seitenanfang