Predigt von Pater Etienne

Zurück zu “Predigten”

Pater Etienne ist Prior in Lomé / Togo

Es folgt eine Predigt zum Schmunzeln.

P. Etienne:

Ich wollte eigentlich von Elefanten sprechen aber ich werde mein Thema ändern.

Das Evangelium von heute sagte: „Wer sich selbst erhöht wird erniedrigt…“

Das fängt schlecht an! Ich werde also vielleicht etwas sagen über wo ich jetzt tätig bin, nicht um Geschichten zu erzählen, sondern um etwas mit ihnen zu teilen, so weit, so tief wie es möglich ist, in ein paar Minuten, was die Leute, die Christen, die Studenten, die ich treffe, mich lehren, was von ihnen empfange…

Das Thema wird eigentlich ein Thema, das wir vor drei Wochen mit 40 Studenten in einem Sommerlager in Togo genommen haben, das ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Freiheit. „Wenn der Menschensohn euch befreit, werdet ihr wirklich frei sein“ (Joh. 8). Ich werde versuchen die Früchte dieser Forschung mit euch zu teilen, warum? Weil einfach die Jugendlichen eine andere Erfahrung haben als hier, und es ist eine Bereicherung, zu teilen, was Jugendliche, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, im Herz tragen. Bei uns ist oft die Freiheit so definiert: Nichts soll meine Pläne stören. Wenn ich einmal unabhängig bin, dann heißt es, dass ich wirklich frei bin.

Für diesen afrikanischen Studenten stellt sich die Frage anders: „Ich habe fast keine Chance, meine Pläne zu auszuführen, das heißt, ich muss ich anders frei werden.“ Für mich selbst, ist es manchmal unverständlich: woher kommt diese Hoffnung? Ich kann mich erinnern, ich war einmal in einem Flüchtlingslager, das war in der Sierra Leone, da waren

60 000 auf ein paar Hektar, und das war die Zeit, wo die Rebellen die Arme und Hände abgeschnitten haben. Und da war ein kleiner Bursch – ich hab danach erfahren, dass seine Eltern ermordet worden sind, und er hat dann selbst keine Arme mehr, er hatte einen Löffel Reis pro Tag. Und das Einzige, was er gemacht hat, er hat mir ein wunderschönes Lächeln geschenkt, voll Leben und Freude. Es ist manchmal fast nicht zum Aushalten. Woher kommt diese Hoffnung, diese Freude am Leben?

Am Ende des Jugendlagers hat ein Student eine Antwort gegeben: Für mich ist es einfach zu erklären: wir wissen, dass die Freiheit, die ihr in reichen Ländern habt, nicht für uns ist. Wir haben eine starke Vergangenheit hinter uns. Und wir sind uns dessen bewusst, dass wir nicht in der Lage sind, in den Sturm der Globalisierung einzutreten. So sind wir gezwungen, eine andere Freiheit zu entdecken: Und diese Freiheit ist nicht etwas, nach dem man ständig strebt, sondern etwas, das man empfängt. Dieser Student, das habe ich danach erfahren, da er nicht einmal pro Monat 6 Euro hat, um sein Zimmer zu bezahlen für seine Studienzeit, schläft in einem Kurssaal. Und er hat mich wirklich berührt mit seiner Antwort: die Freiheit ist etwas, was man empfängt. Ich glaube wir denken sehr wenig daran, was Jesus sagt: „Wenn der Menschensohn euch befreit, werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh 8 ) Das ist diese Freiheit, die ist zu empfangen, er ist die Freiheit.

Ich kann noch die Geschichte erzählen von Ko-Si. Ko-Si heißt: Dienstag (weil man dort den Namen des Tages, an dem man geboren ist bekommt). Ko-Si habe ich entdeckt auf der Baustelle, ich habe bemerkt, er ist nicht wie die anderen. Er ist 20 Jahre alt. Und dann hab ich einfach den Baumeister gefragt: was ist den los mit diesem Burschen da? Und er hat mir gesagt, er ist hundertprozentig taub. Und dann hab ich versucht, die Mutter zu treffen, und ich hab sie gefragt, wie alt ist er? Und sie hat mir gesagt, er ist geboren in dem Jahr, wo die Ernte so gut war! Und dann hab ich gefragt, na wann war das? Und dann hab ich erfahren, na ja, vor 20 Jahren war die Ernte einmal besonders gut. Also war Ko-Si 20 Jahre alt. Und dieser Bursch war vom Vater verlassen, gleich von Anfang wegen seiner Taubheit und ist nie zur Schule gegangen, nie, weil die Mutter kämpfen muss, damit die Familie nur etwas zu essen bekommt. Das heißt, er hat nie mit Konzepten oder Begriffen kommunizieren können mit irgendjemand. Dabei wäre es gar nicht kompliziert, weil ein Monat Schule für Taube kostet dort 5 Euro. Und nur wegen 5 Euro pro Monat ist er 20 Jahre zurückgeblieben. Jetzt geht er zur Schule, und es ist so schön, wie dankbar er ist, diese Dankbarkeit in den Augen! Er blüht auf und versucht sogar zu sprechen, er kann nicht sprechen, er kann nur schreien, aber die Augen sind so dankbar!

Ich will keinem mit dieser Geschichte ein schlechtes Gewissen geben wegen unserem Überfluss und so weiter, aber mehr diese Antwort über die Freiheit, das wir eigentlich die Freiheit empfangen sollten! Und wir merken, dass es manchmal schwierig ist, selbst von unserem Überfluss zu geben. Selbst, was wir nicht brauchen, klebt uns an der Haut. Wir sind nicht so frei! Und ich erfahre mit diesen Studenten, wie wir vielleicht keine Beispiele mehr sind. Unsere Welt muss die Augen öffnen. Afrika hat uns sehr viel zu geben. Diese natürliche Beziehung zu Gott, diese Armut… eine Studie hat gezeigt, dass zum Beispiel der Senegal, wenn das Land jetzt ein normales Wirtschaftswachstum hätte, würde man 350 Jahre brauchen, um das Niveau von Amerika zu erreichen. Das heißt, das wird wahrscheinlich nie geschehen. Aber ist es ein Ziel, wie Amerika oder Europa zu leben? Sollten wir nicht die Augen aufmachen und sehen, dass Afrika ein bisschen wie das kleinste Kind der Familie ist, das man aber nicht vergessen darf! Man darf es nicht einfach auf die Seite schieben. Wie können wir konkret handeln? Natürlich gibt es immer Spenden und so weiter, das brauchen wir. Aber wenn wir auch im Gebet manchmal auf das verzichten, was nicht nötig ist für uns, das im Gebet, und das wir das opfern, das kann auch die Welt ändern.

Dass die Freiheit zu empfangen ist, denkt darüber nach! Das ist ein Geschenk, frei zu sein. Und die Freiheit, das ist eigentlich Christus, und er schenkt uns diese Freiheit.

 

Zurück zu “Predigten”